(202) Am Anfang sollte der Wohnwagen nur eine Übergangslösung sein.

von Alain Fux

Am Anfang sollte der Wohnwagen nur eine Übergangslösung sein. Er war billig gewesen und Juan López hatte schnell einen Standplatz auf einem Camping in der Nähe des Flughafens gefunden. Das war vor drei Jahren, als Juan bei Pleasure Aviation anfing. Einfacher Job, wenige Fragen gestellt und kein Interesse an den Antworten. Touristen über Madrid herumfliegen oder Geschäftsleute nach Gibraltar, Alicante oder Burgos. Sogar an die Cessna hatte er sich schnell gewöhnt.

Sein Wohnwagen war immer mehr zugemüllt und die Duschen des Campingplatzes waren eine Zumutung. Wenigstens die Bar war gut und in Guillermo Lomas, dem Verwalter des Campings, hatte er eine Art Freund gefunden. Den Wohnwagen nutzte er nur zum Schlafen.

Wenn Juan von der Arbeit kam, ging er gleich an die Bar. Das erste Bier war unbeschreiblich gut, aber auch die folgenden waren nicht zu verachten. Irgendwann kam Guillermo dazu und warf ein plattes Hähnchen oder ein Steak auf den Grill. Das aßen sie dann gemeinsam und saßen mehr oder weniger schweigsam den Rest des Abends zusammen. Manchmal erzählten sie sich von ihren jeweiligen Kunden, von deren skurrilen Wünschen, Ängsten und Fragen. Sie redeten nie über die Vergangenheit, es war wie eine unausgesprochene Abmachung zwischen ihnen. Es waren Tage, die einander sehr stark ähnelten und daher sehr schnell vergingen.

Veränderungen würden sich irgendwann von alleine ergeben, man brauchte das gefundene labile Gleichgewicht nicht selbst zu stören. Sie empfanden die Bar auf dem Campingplatz als Auge des Orkans.

Manchmal gesellten sich noch andere Campinggäste zu ihnen. Einige waren angenehm, andere vergifteten die Stimmung durch ihre bloße Anwesenheit. Isidor Paals gehörte zu der angenehmen Sorte. Er setzte sich neben sie und trank sein Bier. Als Nationalität hatte er bei der Ankunft Belgier angegeben. Hätte er Marsianer geschrieben, Guillermo hätte nicht mit der Wimper gezuckt.

Isidor verbrachte vier Nächte auf dem Campingplatz. Am ersten Abend sagte er kein Wort. Am zweiten Abend aß er ein Stück Hähnchen mit Juan und Guillermo. Am dritten Abend schien er sehr traurig und sagte gar nichts. Am vierten Abend kündigte er unvermittelt an, dass er am folgenden Morgen weiterziehen werde. Guillermo und Juan nickten und wünschten ihm eine gute Weiterreise. „Wohin geht es denn?“, fragte Juan. „Ich bin auf einer Pilgerfahrt von Alicante nach Compostela.“ – „Da bist du aber ziemlich vom Weg abgekommen, Kumpel.“ – „Ich musste noch jemanden in Madrid besuchen.“

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