(201) Nils hatte sich in der Wartehalle bereits den zweiten Kaffee eingeschenkt, als der Pilot endlich eintraf.

von Alain Fux

Nils hatte sich in der Wartehalle bereits den zweiten Kaffee eingeschenkt, als der Pilot endlich eintraf. Kapitän Juan López‘ Fluguniform war nicht mehr ganz frisch und er selbst sah mit seinem Dreitagebart auch nicht sehr vertrauenswürdig aus. Als er ihr die Hand drückte, schnüffelte Dina einer etwaigen Alkoholfahne hinterher.

López setzte sich mit ihnen an einen niedrigen Tisch und bereitete einen Stadtplan von Madrid aus. „Ich erkläre Ihnen die Route hier, denn im Flugzeug ist es zu laut.“ – „Welche Maschine fliegen Sie?“, fragte Nils. „Eine Cessna 337 Skymaster. Kennen Sie sich aus?“ Nils schüttelte den Kopf. „Eine sehr vertrauenswürdige Maschine.“ Dina musste noch zur Toilette. Dann führte López die beiden über das Flugfeld zu einer kleinen Maschine, unten weiß und oben hellblau. Nils und Dina setzten sich hinter den Piloten.

López ließ die Motoren an und fuhr zügig zur Startbahn. Dann wurde es sehr laut und kurz darauf sahen sie wie die Landebahn und der ganze Flughafen unter ihnen kleiner wurden. Sie flogen zuerst nach Nordosten, über Alcobendas, dann über den Palacio Real weiter zum Escorial. Dina hatte die Karte auf dem Schoß und López deutete ab und zu auf einen Punkt auf der Karte und nach unten in die Richtung in der die entsprechende Sehenswürdigkeit zu finden war. Nils war schon während des Steigflugs bleich geworden. Danach schaute er verbissen aus dem Fenster. Wenn Dina ihm etwas sagen wollte, beugte er sich kurz zu ihr, um sofort wieder aus dem Fenster zu schauen. „Sollen wir wieder umkehren? Ist dir schlecht?“, schrie sie. Nils schüttelte den Kopf.

Sie kreisten kurz über der Gitterform des Escorial-Palastes. Dann in einer südlichen Schleife zurück zur Innenstadt von Madrid. Sie überflogen den Königlichen Palast, die Almudena Kathedrale, den Prado, den Parque del Buen Retiro und die Stierkampfarena Las Ventas.

Als sie fast schon im Landeanflug auf den Flughafen waren, musste Nils sich erbrechen. Dina hatte bereits vorsorglich eine Plastiktüte vorbereitet und hielt sie ihm hin. Als sie gelandet waren, inspizierte López den Innenraum der Maschine und gab Dina das Daumen-hoch-Zeichen, als er feststellte, dass Nils Mageninhalt vollständig und akkurat in die Tüte umgeschüttet worden war. Er zeigte Dina einen Abfalleimer zum Entsorgen.

López schüttelte den beiden allerdings nicht mehr die Hände, was Dina angesichts seines eigenen schlampigen Auftretens etwas überpenibel schien. Nils überlegte, dass er auch an diesem Abend dem Tanzen entronnen war.

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