(199) Wir haben uns gedacht, wir würden mal anrufen…

von Alain Fux

„Wir haben uns gedacht, wir würden mal anrufen…“ – „…um zu sehen, wie es unserer Schwester geht. Wann ist die Verlobung?“

Wim und Silvio, Dinas ältere Brüder, ergänzten sich beim Reden immer noch, zogen sich immer noch genau identisch an und lebten immer noch zusammen in einer WG. ‚Aufgetrennte siamesische Zwillinge‘ nannte sie Dina. Jetzt nahm sie ihr Handy und ging auf den Balkon. Auch dort flüsterte sie. „Nils schläft. Er ist gerade eingeschlafen.“ – „Oh, das muss eine wilde Nacht gewesen sein. Der Mann ist wohl ein Tier…“ – „…deshalb kannst du ihn keinem vorstellen.“ – „Nein, er hat den Magen verdorben. Er hing fast die ganze Nacht über der Kloschüssel.“ – „War das nicht vor zwei Monaten so? Muss einen zarten Magen haben…“ – „…oder ständig Unangemessenes essen. Was war es denn diesmal?“ – „Er hatte Stierschwanz.“ – „Stier…“ – „…schwanz?“ – „Stierschwanz wie in Ochsenschwanz. Aber halt von einem Kampfstier. Voller Adrenalin. Sehr bitter. Der Oberkellner sagte, das gehört so.“ – „Wahrscheinlich, weil der Koch gesagt hat: das gehört weg!“ – „Keine Witze bitte, ich habe auch kaum geschlafen. Und dann ruft Ihr an.“ – „Wir müssen uns doch um unser Schwesterlein kümmern.“ Sie fingen an, jeweils abwechselnd, Geschichten über Magenverstimmungen der einzelnen Familienmitglieder zu erzählen.

„Kannst du dich noch erinnern, als wir alle gemeinsam in einem Auto nach Italien gefahren sind? Es war eng und heiß…“ – „…sagte die Schauspielerin zum Bischof“. – „Auf jeden Fall war es direkt hinter dem Brenner. Keine Möglichkeit anzuhalten. Mutter hat alles auf den Arm bekommen, als sie versuchte hatte Wim den Mund zuzuhalten.“ – „Das war auch keine gute Strategie. Was raus muss, muss raus.“ – „Ja, ich war zwar noch sehr klein, aber ich kann mich gut erinnern. Es hat den ganzen Urlaub gestunken in dem Wagen. Mir hebt sich jetzt noch der Magen.“ – „An jeder Tankstelle hat Vater mehr Wunderbäume gekauft. Es war eine abenteuerliche Mischung. Besonders wenn der Wagen in der Sonne stand.“ – „Was hast du denn noch heute vor? Oder musst du ständig Florence Nightingale spielen?“ – „Ich weiß es noch nicht. Ich lasse ihn erst einmal schlafen und dann sehen wir weiter. Aber viel werden wir heute nicht unternehmen. Vielleicht am Pool abhängen…“ – „Aber lass ihn nicht ins Wasser gehen, das kann böse enden“ – „Das erinnert mich gerade an das Unterwasservideo des Eisbären, der unter Wasser kackt.“ – „Jetzt hört auf. Was seid Ihr für Widerlinge. Und das vor dem Frühstück!“ – „Wir haben schon gefrühstückt.“ – „Du musst einfach eher aufstehen.“

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