(198) Heute Abend kann ich Ihnen eine Delikatesse empfehlen: Rabo de Toro!

von Alain Fux

„Heute Abend kann ich Ihnen eine Delikatesse empfehlen: Rabo de Toro!“ Mit blitzenden Augen schaute der Oberkellner auf das junge Paar herab. Dina Kaiser und Nils Steinkamp kannten sich seit drei Jahren, lebten seit einem Jahr zusammen, es war ihr dritter gemeinsamer Urlaub und vielleicht würden sie bald heiraten. Allerdings hatte Dina Nils noch nicht ihrer Familie vorgestellt.

„Was ist das?“, fragte Nils. „Das ist Stierschwanzragout in Rotwein geschmort. Aber nicht irgendein Stierschwanz. Gestern hing er noch an einem stattlichen, kraftstrotzenden Kampfstier. Das haben wir nicht oft hier im Restaurant.“ Dina verzog den Mund. „Ich glaub‘, das ist nichts für mich. Ich nehme das Huhn in Mandelsauce.“ Nils rang kurz mit sich und sagte: „Ich probiere den Rabo de Toro!“

Als der Oberkellner weg war, fügte er hinzu: „Vielleicht werde ich ja damit zum Minotaurus.“ Dabei setzte er seine Zeigefinger als Hörner auf die Stirn, senkte den Kopf und kitzelte Dina damit an der Seite. Kichernd schützte sie sich mit den Ellenbogen. „Wenn du schon so gut drauf bist, könnten wir nachher vielleicht tanzen gehen. Der Concierge hat mir ein Lokal empfohlen.“ Nils‘ Eifer kühlte sofort ab. „Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wer weiß, was der Rabo noch mit mir macht. Ich sage nur: Stier…!“

Als die Hauptgerichte kamen, sah das Stierschwanzragout recht unspektakulär aus. Nils schnitt ein Stück Fleisch ab und steckte es in den Mund. Dina beobachtete ihn gespannt. „Es ist bitter“, sagte Nils mit vollem Mund. Dina probierte auch, dann rief Nils den Oberkellner. „Schmeckt es Ihnen?“ – „Nun, das Fleisch schmeckt etwas bitter…“ Der Oberkellner knipste wieder sein Augenfunkeln an. „Das muss so sein. Das ist das Adrenalin des Tieres. Sie schmecken darin den heldenhaften Kampf des edlen Tieres, bis zum bitteren Ende, sehen Sie! Ohne Adrenalin wäre es kein Rabo de Toro, sondern nur ein gemeiner Ochsenschwanz.“ Nils bedankte sich für die Auskunft und aß etwas mehr als die Hälfte des Ragouts auf, jeweils unterbrochen von großzügigen Schlucken von Wein.

„Und wie ist dein Huhn?“, fragte Nils. „Es schmeckt sehr gut. Ich glaube, es ist sanft entschlafen und musste keinen heldenhaften Kampf durchstehen. Magst du noch etwas von mir?“ – „Ja gerne, das gibt mir bestimmt einen besseren Geschmack im Mund.“

Danach bestellte Nils auch noch den großen Dessertteller, aber mit zweitem Besteck. „Und jetzt auf zum Tanz, mein Toreador?“ – „Ich könnte mir vorstellen, meine neugewonnenen animalischen Kräfte anders einzusetzen. Wenn du verstehst was ich meine…“ Sie tranken noch einen Espresso und gingen dann auf ihr Zimmer. Als Dina die Schlüsselkarte zuerst verkehrt herum einsetzte, scharrte Nils ungeduldig mit den Füßen.

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