(197) Als der sechste Stier mit einem Degen im Nacken im Sand lag, stand auch Paco auf und ging pinkeln.

von Alain Fux

Als der sechste Stier mit einem Degen im Nacken im Sand lag, stand auch Paco auf und ging pinkeln. Dann verließ er Las Ventas und steuerte eine Metzgerei in der Nähe an. Ricardo Delgado, der Metzger, war gerade dabei, seine Messer zu wetzen, als Paco eintrat.

„Wie waren die Stiere?“, fragte Ricardo. „Für heutige Verhältnisse war es ganz in Ordnung“, antwortete Paco. „Aber die jungen Matadore glauben, dass sie Showstars sind. Du hast den Eindruck, dass sie bei jeder Figur überlegen, wie das Publikum reagieren wird. Und diese Inflation von Trophäen. Heutzutage wollen diese Leute einen Schwanz, wofür sie vor Jahren nicht mal ein Ohr bekommen hätten.“ – „Wenn ich mit dem vergleiche, was du sonst sagst, scheint es dir ja gut gefallen zu haben.“ – „Du hast recht, Ricardo. Manchmal bin ich ungerecht, wenn ich mich daran erinnere, wie man es damals mit mir gemacht hat. Ich wäre ein guter Matador geworden.“

Ricardo legte das Messer weg und beugte sich zu Paco über die Theke. „Du hast dein Leben gelebt. Du brauchst dich vor keinem zu entschuldigen.“ Paco gab sich einen Ruck. „Du hast Recht, ich beklage mich nicht. Was anderes. Kann ich schon mal ein Stück von Manchego bekommen?“ – „War er gut?“ – „Er war hervorragend. Mit einem Mut von zwei Bären hat er gekämpft. Ich hätte gehofft, dass er begnadigt wird.“ – „Wir haben Manchego bereits zerlegt. Welches Teil magst du?“ – „Gib mir ein Sirloin-Steak davon.“

Während Ricardo in den hinteren Raum trat, um das Fleisch aus der Kühlkammer zu holen, kroch sein kleiner Sohn Alejandro auf allen Vieren in den Laden. Als er sich an der Theke aufrichtete sah man, dass sein Einteiler vorne komplett mit Blut befleckt war. Zugleich ging die Tür zur Straße auf und ein junger Hilfskoch kam in den Laden. Paco grüßte Enrique Flores, den er bereits von vielen Besuchen kannte. Enrique war der Patensohn von Ricardo.

„Na, Alejandro, hast du wieder mit toten Tieren gespielt?“, fragte Enrique. Da kam auch schon Ricardo mit einem Päckchen in der Hand zurück. Er überreichte es Paco und sagte „Zahl mich nächstes Mal.“ Er grüßte Enrique und fragte, was er brauche. „Morgen Abend will der Chef mal wieder Rabo de Toro auf das Menü schreiben. Was hast du?“ – „Wenn du Zeit hast, kann ich dir vier Schwänze mitgeben. Fertig habe ich jetzt nur zwei.“ Enrique nickte: „Das reicht. Ich nehme die zwei.“ Paco schüttelte den Kopf und scherzte: „Wie er das so sagt. Ich hätte meinen Arm für ein Ohr gegeben. Und Enrique hier findet, dass zwei Schwänze ihm reichen. In was für einer Welt leben wir?“

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