(196) Leo landete in Madrid um 7 Uhr früh.

von Alain Fux

Leo landete in Madrid um 7 Uhr früh. Es war Sonntag und die Straßen waren leer, als er ein Taxi zu seinem Hotel in der Innenstadt nahm. Er hatte kaum im Flugzeug geschlafen und legte sich aufs Bett. Als er aufwachte, war es bereits Nachmittag. Er aß ein paar Tapas im Hotelrestaurant und wollte dann die Stadt erkunden, denn er war vorher noch nie in Madrid gewesen. Er fragte den Concierge, was er ihm raten würde. Der Concierge hob seine Schreibunterlage hoch, griff darunter und hielt ihm ein Ticket hin. „Es ist das letzte, das ich habe und es fängt gleich an. Halber Preis? Sie können nicht Madrid besuchen, ohne einen Stierkampf gesehen zu haben!“

30 Minuten später saß Leo auf einer Steinstufe in der Las Ventas Stierkampfarena. Ein alter Mann neben ihm bemerkte, dass Leo keine Ahnung vom Ablauf des Rituals hatte. „Paco Moreno“, stellte er sich vor. „Es gibt heute sechs Stiere und drei Matadore.“ Paco gab Leo ein braunes Kissen, das er unter sich schieben konnte.

Der erste Stier stob in die Arena. „Olé“, schrie die Zuschauermenge, wie aus einer Kehle. „Manchego, so heißt der Stier“, sagte Paco. Der Matador und seine zwei Assistenten testeten den Stier, um ihn zu lesen, wie Paco es nannte. Zuerst nur die Assistenten. Dann arbeitete der Matador selbst mit dem Stier. Leo fand, dass es aussah, als ob der Matador mit dem Stier tanzte. Die Bewegungen des Mannes in seinem mit Gold bestickten Jäckchen hatten etwas Ballettartiges. Der Eindruck wurde noch verstärkt, weil der Matador dünne Lederschläppchen trug. Leo nickte Paco anerkennend zu, das gefiel ihm.

Dann fing die Band an zu spielen. Zwei Reiter auf gepolsterten Pferden hielten Einzug in der Arena und näherten sich dem Stier. Die schweren Männer auf den klapprigen Pferden hielten lange Lanzen unter dem rechten Arm. Manchego lief auf einen davon zu und nur die Polsterung hinderte ihn daran, dem Pferd seine Hörner in den Bauch zu rammen. Leo hatte sich zuerst gewundert, dass die Pferde das rechte Auge verdeckt hatten. Jetzt begriff er: es war damit sie keine Panik bekamen, der Stier würde immer von rechts kommen. Der Reiter stieß seine Lanze in den Nacken des Stieres, mehrfach bis Blut austrat. „Das ist wichtig, damit der Stier den Kopf senkt“, erklärte Paco. Leo sah angeekelt zu, wie der Stier abwechselnd von den beiden Reitern mit ihren Lanzen traktiert wurde. Der Rücken des Tiers war rot und nass von Blut.

Leo wurde übel. Er stand auf und drängelte sich durch die Sitzreihe hinaus. Als er den Ausgang erreichte, ertönte ein Trompetensignal, als ob man sein Weggehen anzeigen wollte.

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