(193) Trotzdem wollte Leo auf keinen Fall nach Hause zurück.

von Alain Fux

Trotzdem wollte Leo auf keinen Fall nach Hause zurück. Außerdem war das Wetter in Kalifornien besser. Für den letzten Vorsprechtermin, den er besuchte, natürlich wieder ein Soldat aus Nazideutschland, wollte er sich einen Wehrmachtshelm ausleihen, um authentischer rüberzukommen und um größer zu wirken. Freunde hatten ihm Tucker’s Show and Performance empfohlen, einem Lager für Requisiten.

Als Leo hereinkam war Hank Tucker, der Besitzer, dabei ein Bündel an gerade angelieferten, nachgemachten SS-Gürteln zu prüfen. Tucker schaute Leo zuerst gar nicht an und ließ sich bei seiner Arbeit nicht stören. „Da ist ein Fehler“, sagte Leo zu ihm und deutete auf den Gürtel. Unwirsch sah Tucker hoch. „Fehler? So ein Schwachsinn. Oder kennst du dich damit aus?“

Leo erklärte ihm, dass auf den Gürteln stand ‚Meine Enre neibt Treue!‘ und dass dies falsch sei. Tucker glaubte ihm nicht und nahm erst Fotos als Vergleich zur Hilfe. „Mann“, sagte er dann freundlich, „das ist aber gut, dass dir das aufgefallen ist. Damit hätte ich mich blamiert. Verstehst du Deutsch? Kannst du gotische Schrift lesen? Ja? Du bist mein Mann. Ich stell dich sofort ein.“

So kam es, dass Leo einen Job bei einem Requisiteur in Los Angeles bekam und dort zu einem Experten für deutsche Uniformen des Dritten Reichs wurde. Bei schwierigen Fällen konnte Leo eine E-Mail an einen Experten in Deutschland schicken. Hank hatte zwar viele Bücher zu dem Thema angesammelt, aber immer nur die Bilder betrachten können. Jetzt hatte er mit Leo jemand, der auch den Text verstand. Manche englischen Texte, meistens von Geschichtswissenschaftlern, die er bei seinen Recherchen fand, gab er auch mal Hank zu lesen. Eines Tages fand er einen guten historischen Abriss der Geschichte der SA und gab Hank das Buch zum Lesen.

Ein paar Tage später registrierte er Veränderungen bei Hank. Tucker behandelte ihn, als ob er über Nacht Millionär geworden wäre. Bis zur Mittagszeit ließ Leo die Behandlung über sich ergehen. Beim gemeinsamen Essen stellte er Hank zur Rede. „Ich habe jetzt verstanden“, sagte Hank, „warum du dich in dem Thema so gut auskennst…“ Leo machte ein fragendes Gesicht. „Es liegt dir im Blut. Kann ich es den Kunden erzählen? Das ist ein wahres USP, wir müssen es nutzen.“ Leo verstand immer noch nicht. Dann zog Hank das Buch über die SA hervor und schlug eine Fotoseite auf. Darauf war ein koloriertes Foto zu sehen. Untertitel : ‚Horst Wessel an der Spitze seines Sturmes in Nürnberg, 1929‘. „Kann ich ein Autogramm von dir haben?“, fragte Hank.

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