(192) Rocky Balboa war Leo Wessels Held.

von Alain Fux

Rocky Balboa war Leo Wessels Held. Eine seiner liebsten Posen war es, beim Joggen mit Zipfelmütze auf dem Kopf und einem Handtuch um den Hals zu laufen. In der Schule tat er sich schwer. Dann hatte er endlich seinen Abschluss geschafft. Schon Wochen vorher hatte er gesagt, dass er gleich im Anschluss daran nach Hollywood fliegen würde. Immer wieder hatte er angekündigt, dass er zum Film wollte. Natürlich hatte ihn niemand Ernst genommen. Doch dann war er weg und seine Eltern und seine Freunde erhielten Postkarten aus Los Angeles. „Er ist volljährig“, sagte sein Vater schulterzuckend zu seiner Mutter. „Er wird zurück kommen“, antwortete sie.

Natürlich war der Anfang von Leos Filmkarriere mühsam. Er hatte den Großteil seiner Ersparnisse für den Flug ausgegeben und arbeitete bald als Bedienungshilfe in einem Restaurant. Doch dann hatte er Glück und wurde Wrestling Coach in einem College. Sein kompromissloser Stil erntete ihm viel Respekt von seinem Team, das er zu neuen Höhen anspornte.

Immer noch hatte er aber die Schauspielerei im Kopf und nahm Schauspiel- und Sprachunterricht. Er hatte eine Reihe von Vorsprechterminen, meistens für Nazirollen in Kriegsfilmen. Er bekam allerdings keine davon. Meistens störten sich die Casting-Agenten an seiner Statur, die ihnen zu klein war.

Einer seiner Schüler erzählte ihm dann von einer Rolle für eine TV-Serie: es wurde ein Ringer gesucht. Beim Casting sagte man ihm, dass das Script sich geändert habe und man jetzt eher einen Judokämpfer suchte. Er gab an, er könne auch Judo. Für die paar Griffe, die er vorführen sollte, reichten seine Kenntnisse.

Am nächsten Tag rief man ihn an, er hatte die Rolle. Die Produktion fand noch in der gleichen Woche statt und dauerte nur einen Drehtag. Der Titel der Folge, in der er auftrat, war ‚Charlie X.‘ und die Serie hieß ‚Star Trek‘. Leo musste ein paar Judogriffe mit einem Schauspieler namens William Shatner trainieren. Shatner spielte den Kapitän des Raumschiffs. Der dritte Schauspieler auf dem Set war ein Junge, Charlie X., den die Crew auf einem Planeten eingesammelt hatte und der übersinnliche Kräfte besaß.

Leo musste ihn in der Szene auslachen und wurde dafür von Charlie X. in Luft aufgelöst. In der fertigen Sendung dauerte die Szene genau 113 Sekunden, dann war Leo verschwunden.

Leider gab es keine Chance für ihn öfters in der Serie aufzutreten, denn sonst waren keine Ring- oder Judoszenen vorgesehen. Zumindest hatte er jetzt eine Referenz für seinen Lebenslauf. Allerdings bekam er auch damit keine Rollen. Als er ein paar Jahre später den Ausspruch von Andy Warhol über die 15 Minuten Ruhm hörte, musste er lachen. Seine 15 Minuten hatten nur knapp zwei Minuten gedauert und außer ihm hatte keiner etwas davon mitbekommen.

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