(188) Claudia Schwenk hatte gerade den Azubi in der Wäschekammer zurechtgewiesen…

von Alain Fux

Claudia Schwenk hatte gerade den Azubi in der Wäschekammer zurechtgewiesen, dass er Kundinnen etwas zum Trinken anbieten sollte, sobald sie saßen. Der Junge kapierte das einfach nicht. Als sie wieder hinter der Kasse stand und die Terminliste prüfte, kam Rüdiger herein. Breitestes Lächeln, ein wahrer Sonnenschein. Immer wenn sie ihn sah, war es, als ob sich ihr Unterleib zusammenzog. So wie er es immer tat, kurz bevor sie Sex hatte. Mit Rüdiger hatte sie auch mal eine Affäre, es war aber nur kurz gewesen und eigentlich enttäuschend. Rüdiger hatte auch nicht darauf gedrängt, die Erfahrung zu wiederholen. In der Hinsicht schien er keine Engpässe zu haben.

Trotzdem hatte er etwas an sich, das ihr sehr nahe ging. Das war sehr irritierend. Sie trieb Sport zu allen unmöglichen Tageszeiten und verkniff sich Essen und Trinken, um ihren Körper in Schuss zu halten. Und dann, bei der bloßen Sicht von Rüdiger Heinemann, ließ ihr Körper sie im Stich. Sie fühlte sich verraten.

Rüdiger machte zuerst die Runde im Bel Hair-Salon und begrüßte ihre Mitarbeiter, bevor er zu ihr kam und, sie glaubte es nicht, Anstalten machte ihr beim Luftküsschengeben eine Hand auf den Po zu legen. Sie riss eine Schranktür auf und er musste seine Hand zurückziehen. „Gehen wir ins Café“, sagte sie. Im Salon gab es keine Diskretion. Sie nahm den breiten Gürtel mit den Werkzeugtaschen und dem Scherenholster ab und legte ihn auf den Stuhl. Sie spürte, wie er ihren Körper in dem enganliegenden Catsuit aus Lycra musterte.

Im Café eröffnete sie ihm, dass sie kein Interesse mehr an dem Modeschmuck habe. Der Neuheitseffekt sei abgelaufen und es habe sich auch schon herumgesprochen, dass es gesundheitlich überhaupt nichts bewirkte. Rüdiger nickte verständnisvoll und versuchte nicht, sie umzustimmen. Das irritierte sie. Dann fragte er sie, ob sie sich denn trotzdem noch sehen könnten. Er hatte nichts begriffen. Wie konnte er diese Ablehnung nicht persönlich nehmen? „Nein“, sagte sie und ging zurück nebenan in den Salon. Kurz darauf stand er noch draußen vor der Tür und beobachtete sie. Sie ignorierte ihn. Dann war er weg. Wenigstens hatte er keinen Skandal produziert.

Dörthe, genauso alt wie Claudia und mehr eine Freundin, als eine Angestellte, hatte natürlich alles mitbekommen und konnte den Mund nicht halten. „Du bist zu hart zu ihm“, sagte sie später in einer Zigarettenpause. Claudia zerrieb den Zigarettenstummel unter ihren Stiefeletten und antwortete: „Dörthe Knoll, ich glaube nicht, dass irgendetwas dich qualifiziert, mir Männertipps zu geben.“

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