(186) Ulrich Scharfenberg ging noch einmal für seinen Vater zur Apotheke.

von Alain Fux

Ulrich Scharfenberg ging noch einmal für seinen Vater zur Apotheke. Seit er ihm gesagt hatte, dass er wieder nach Hause fahre, redete sein Vater nicht mehr mit ihm. Um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern und gleichzeitig dem alten Herrn aus dem Weg zu gehen, hatte sich Ulrich das Arztrezept geschnappt. In der Jackentasche fühlte er das Zugticket neben dem Rezept.

Kurz bevor er in die Straße zur Apotheke einbiegen wollte, bemerkte er Rüdiger Heinemann. Ulrich blieb abrupt stehen und hielt sich hinter der Hausecke von Schaffraths Gemüseladen versteckt. ‚Heinemann – Schweinemann‘, ging es ihm durch den Kopf.

Rüdiger hatte fast die gesamte Schulzeit von Ulrich begleitet. Grundschule und Gymnasium. Anfangs waren sie befreundet gewesen. Rüdiger bekam von seinen Eltern jede Menge Spielzeug geschenkt, vor allem Lego. Damit verbrachten sie viel Zeit gemeinsam. Auch die Schulaufgaben machten sie zusammen. Rüdiger lernte von Ulrich, der in der Schule besser vorankam. Dafür durfte Ulrich Rüdigers Spielzeug mitnutzen, denn dabei war er zu Hause kurz gehalten. Auch im Gymnasium ging diese Art Symbiose einige Zeit weiter, das Spielzeug wurde durch Musik ersetzt. Rüdigers Taschengeld schien unermesslich. Der Musikgeschmack von Rüdiger änderte sich dann aber immer mehr und der Nervenkitzel etwas Unerlaubtes zu tun, wurde bei Ulrich überholt von einem Unwohlsein, das er dabei empfand. Rüdiger war auch nicht mehr daran interessiert, die Schulaufgaben zu verstehen. Ihm ging es nur noch darum, jemand zu haben, von dem er abschreiben konnte.

Schließlich sahen sie sich nur noch in der Schule und Ulrich ging Rüdiger immer mehr aus dem Weg. Rüdiger wurde Mitglied einer Band und gründete selbst eine andere. Die Punkmusik, die sie spielten, führte zu einem Skandal bei einem Schulfest, als der Direktor persönlich die Verstärkeranlage vom Strom nahm. Bereits vorher beschäftigte sich Rüdiger, der sich jetzt Rudo nannte, immer mehr mit Mädchen. Dabei war er überhaupt nicht wählerisch, er nahm, was er kriegen konnte. Sogar die dicke Otti. Damals hatte Ulrich ihn im Gespräch mit Klassenkameraden als Schweinemann bezeichnet. Rüdiger hatte es mitbekommen und sie hatten im Flur gerauft. Sie mussten beide nachsitzen und danach hatten sie nie wieder miteinander gesprochen.

Jetzt stand derselbe Rüdiger keine fünf Meter von Ulrich entfernt, lehnte an einen roten Rolls Royce und schleckte ein Eis. Es schien sein Wagen zu sein. Ulrich kehrte um. Es gab noch eine andere Apotheke, zu der er gehen konnte.

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