(184) Du bist eine Schande für unsere Familie.

von Alain Fux

„Du bist eine Schande für unsere Familie. Dein Großvater würde sich im Grabe umdrehen!“ Raimund Scharfenberg steckte sich die Stutzen der Nasenbrille in die Nasenlöcher und schaltete mit zittriger Hand das Sauerstoffgerät an. Er schloss kurz die Augen, als er spürte, wie der Sauerstoff in seine Lungen drang.

Ulrich wollte etwas einwenden: „Papa…“, aber sein Vater hob die Hand und brachte ihn zum Verstummen. Als die Atemnot vorbei war, klopfte er eine Zigarette aus dem Päckchen und zündete sie an. „was habe ich an deiner Erziehung falsch gemacht? Mein Vater war mir immer ein Beispiel. Warum bin ich das nicht für dich? Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Dienst beurlaubt worden wäre. Das gibt es doch einfach nicht. Es ist ja gerade das Prinzip der Beamtenklasse, zu bewahren und zu schützen. Es geht uns nicht darum, die Dinge in ihren Grundstrukturen zu verändern. Schon gar nicht zu revolutionieren.“

Wieder wollte Ulrich ihm antworten, aber wieder brachte ihn sein Vater mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zum Schweigen. Ulrich schaute auf die bleiche, altersfleckige Hand, die von Falten überzogen war. Sie war dürr und dennoch von großer nervöser Energie beseelt. Als ob die hervorgetretenen Sehnen unter Hochspannung stünden. „Aber wenn du glaubst, du könntest jetzt bei mir unterkriechen, wenn das Geld knapp wird, dann hast du dich getäuscht. Es reicht schon, dass du am Ende erbst, ohne etwas verdient zu haben.“

Ein freundlicher aufmunternder Vater war Scharfenberg Senior nie gewesen. Aber seit seine Lungenkrankheit ihn immer schneller ermatten ließ, hatte sich zusätzlich die Boshaftigkeit in sein Wesen geschlichen. Als ob er es allen heimzahlen wollte.

Nach seiner Beurlaubung hatte Ulrich nichts mit sich anzufangen gewusst und gedacht, dass es eine gute Gelegenheit sein könnte, mit seinem Vater eine Art Neuanfang zu versuchen. Aber es gab keinen Austausch zwischen ihnen. Ulrichs Beurlaubung wirkte auf das Gemüt seine Vaters wie ein rostiger Nagel in der Fußsohle. Ulrich würde am nächsten Tag wieder abreisen. „Ich weiß auch nicht, warum die Menschen immer versuchen müssen, alles zu verbessern. Dieser krankhafte Zwang, alles und jedem seinen Stempel aufzudrücken. Wie kommt jemand wie du auf die Idee, die Verwaltung verändern zu wollen. Ja, sie effizienter machen zu wollen. Haha, haha…“

Das blubbernde Lachen seines Vaters wurde von einem Hustenanfall unterbrochen. Er spuckte in sein Taschentuch, schaute rein, klappte es zu. „Du bist ein Narr, Ulrich. Ein eitler Narr.“

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