(183) Nehmen Sie bitte Platz, Herr Scharfenberg.

von Alain Fux

„Nehmen Sie bitte Platz, Herr Scharfenberg.“ Theodor Harpes deutete auf den mit rotem Samt bezogenen Besucherstuhl. „Danke, Herr Bürgermeister“, Scharfenberg setzte sich und schaute seinen obersten Dienstherrn erwartungsvoll an.

„Der Personalrat riet mir, dass ich mal ein bisschen Zeit mit Ihnen verbringen möge. Sie hätten da ein neues Verwaltungskonzept, das ich mir unbedingt anhören müsse.“ – „Das schmeichelt mir sehr, Herr Bürgermeister. Wenn Sie erlauben, würde ich es Ihnen gerne erläutern.“ – „Ich bitte darum.“

Scharfenberg holte aus und erzählte vom Frust mit dem er täglich konfrontiert war. „Verwaltung kann unmenschlich dickflüssig sein.“ Seit seinem Besuch der Veranstaltung zur Effizienzsteigerung in der Verwaltung hatte er sich mit Lösungsmöglichkeiten beschäftigt.

Die erste Frage, die er sich stellte, war: Wozu war eine Verwaltung da? Hierauf fand er die genauso verblüffende wie einfache Antwort: Die Verwaltung ist da, um zu verwalten. Darauf basierend die zweite Frage: Was behinderte die Verwaltung? Auch hierauf wusste Scharfenberg eine konkrete Antwort: es waren die Horden an Verwaltungsfremden. Es waren die Antragsteller, die Säumigen, die Verwarnten und Bestraften. Durch sie bekam der Verwaltungsapparat eine Schräglage und es kostete viel Mühe, ihn wieder zu stabilisieren.

„Sie meinen nicht etwa die Bürger?“, warf Harpes ein. „Wenn Sie die Verwaltungsfremden so nennen wollen, mir ist es recht. Wir haben auf der einen Seite professionelle, hoch ausgebildete und schlagkräftige Verwaltungsexperten, die ihr Äußerstes geben. Ihnen gegenüber stehen Amateure, manche sind des Schreibens, Lesens und Rechnens kaum mächtig. Sie füllen die falschen Formulare aus, stehen am falschen Schalter an und überweisen ihre Gebühren auf das falsche Konto. Sie sind es, die immer wieder Chaos in ein ansonsten hochpräzises und wohl austariertes System hineinbringen.

„Was schlagen Sie vor?“, fragte Harpes. Er versuchte heraus zu finden, ob er gerade von seinem Mitarbeiter auf den Arm genommen wurde. Scharfenberg hielt es für wahres Interesse und erkannte nicht die Ironie Harpes‘.

„Wir müssen den Beamten mehr Freiräume schaffen. Wir müssen sie vor diesen Horden der Barbarei schützen.“ – „Sie meinen mit den ‚Horden der Barbarei‘, die Bürger, die zu Ihrer Behörde kommen, ist das so richtig?“ – Scharfenberg nickte hefig. „Ohne Kontakt zu der Bevölkerung hätten wir einen Grad der Verwaltung erreicht, bei der es fast ausschließlich schlüssige, durchdachte Vorgänge gäbe.“

Harpes räusperte sich und sprach: „Herr Scharfenberg, ich glaube, man kann Ihr Engagement nicht genug Wert schätzen – aber Sie sind ab jetzt beurlaubt. Wir werden zu gegebener Zeit auf Sie zukommen.“

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