(182) Ulrich Scharfenberg konzentrierte sich.

von Alain Fux

Ulrich Scharfenberg konzentrierte sich. Vor ihm lag die Personalliste der gesamten städtischen Verwaltung. Er wollte gerade auswählen, an welcher Stelle er ansetzen sollte, als er in seinen Gedanken vom Telefonklingeln unterbrochen wurde. Genervt starrte er den Apparat an und hob schließlich mit einem Seufzen den Hörer ab. „Ja?“ – „Hallo, bin ich bei Herrn Scharfenberg?“ – „Ja?“ – „Sie kümmern sich um illegal gehaltene Tiere?“ – „Nicht um die Tiere, um deren Halter. Wer sind Sie?“ – „Mein Name tut nichts zur Sache. Ich wollte Ihnen etwas Ungeheuerliches melden.“

Die Frau erzählte Scharfenberg von einem Schimpansen, der in einem Privathaushalt in einem Käfig gehalten und gequält wurde. Scharfenbergs Blick richtete sich auf das Regal seinem Schreibtisch gegenüber und glitt mechanisch von einem Loch eines Leitz-Ordners zum nächsten. Er quittierte die Schilderung der Frau mit eingestreuten Jas, Ahas und Achs. Er ließ sich die Adresse geben und schrieb sie auf einen neuen weißen Zettel. Birkenstr. 293, ja ist notiert. Als er aufgelegt hatte, zerknüllte er den Zettel und warf ihn mit einem Kopfschütteln in den Papierkorb.

Seit Scharfenberg ein Seminar zum Thema Effizienz in Staat und Verwaltung besucht hatte, sah er seinen Beruf in einem völlig neuen Licht. Sein Vater und sein Großvater waren beide Beamte gewesen und für ihn hatte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass eine Position in der Verwaltung seine Bestimmung war. Bei dem Seminar war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Art wie alle um ihn herum arbeiteten und ihre Position ausfüllten, falsch war. Nicht immer zu 100% falsch, aber doch im Ansatz komplett verkehrt. Scharfenberg hatte das Licht gesehen und er wollte seine Verwaltungsbrüder und –schwestern nicht länger in der Dunkelheit sitzen lassen.

Dazu brauchte er einen Schlachtplan. Bevor er die politische Führung überzeugen konnte, brauchte er die Zustimmung der höchsten Beamten. Diese waren vor allem durch das Verhalten des Personalrats beeinflusst. Aber noch bevor er sich mit dem unnachgiebigen Personalrat beschäftigte, brauchte er möglichst viele Verbündete. Auf der Liste der städtischen Abteilungen setzte er mit seinem frischgespitzten Bleistift rasiermesserscharfe Kreuzchen hinter Tourismusamt, Standesamt und Planungsreferat. Hier würde er ansetzen, denn er wusste, dass dort Kollegen arbeiteten, die seine Sicht am ehesten teilen würden. Erst wenn er deren Rückendeckung hatte, könnte er andere Abteilungen angehen. Ulrich Scharfenberg zog aus um das Verwaltungswesen zu revolutionieren.

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