(181) Niederträchtig sah er aus.

von Alain Fux

Niederträchtig sah er aus. Tiziana spürte wie seine Augen auf ihr lasteten, als sie in das Zimmer kam. Elvis lag in seinem Käfig auf der kleinen Matratze, die Eric mit einem Frotteebadetuch bezogen hatte. Er tat aber nur so, als ob er schliefe. Er beobachtete sie ganz genau aus den Augenwinkeln.

Tiziana schnüffelte. Der Schimpanse stank. Sie hatte den Geruch bis ins Wohnzimmer bemerkt. Seit sie das letzte Mal in diesem Zimmer war, hatte ihr Bruder es etwas umgebaut. Er sagte, dass Elvis (ein im wahrsten Sinne des Wortes affiger Name) sich nicht in der ungewohnten Umgebung wohl fühlte. Deshalb hatte er dieses Zimmer wie ein Labor hergerichtet. Er hatte die Wände weißgestrichen, allerdings schauten hinter der dünnen Übertünchung immer noch die Muster der dunklen Tapete des ehemaligen Elternschlafzimmers hervor. Ansonsten hatte Eric ein paar kaputte medizinische Geräte gefunden und sie aufgestellt. Auch die weißen Möbel hatte er von irgendwoher besorgt. Welche Geldverschwendung! Aber dass er sich für etwaige Bewerbungsgespräche mal einen neuen Anzug besorgte, das kriegte er nicht hin. Für einen Schimpansen sah der Raum jedenfalls aus wie ein Labor. Aber was sollte der schon wissen.

Sie trat an den Käfig. Der Affe schaute sie jetzt mit offenen Augen an. Das Tier stank. „Schmutziger Affe“, sagte sie und schlug mit der flachen Hand auf den Käfig. Der Schimpanse sprang auf und zog sich in die Ecke zurück. Er fletschte die Zähne und fing an zu zetern. Sie schlug noch ein paar Mal auf das Gitter, um ihn ruhig zu stellen. Es half nichts und irgendwann schlug er von innen auch gegen das Gitter. Vor Angst schiss er, und jetzt stank es wirklich. Tiziana schlug ein letztes Mal auf den Käfig und trat den Rückzug an. Sollte sich Eric doch um den Stinkeaffen kümmern. Auf jeden Fall konnte es so nicht weitergehen. Ein Schimpanse konnte 30-50 Jahre alt werden und Elvis war erst fünf. Der Affe würde sie wahrscheinlich überleben!

Außerdem beschäftigte sich Eric zu viel mit ihm, anstatt sich einen neuen Job zu suchen. Eben hatte sie ihn einkaufen geschickt – er tat ja auch sonst nichts im Haus. Sie dachte an Vergiften. Irgendein Gift in einem Apfel. So wie bei Schneewittchen. Klappe zu, Affe tot. Allerdings konnte sie nicht abschätzen, wie Eric reagieren würde. Vielleicht würde er den Affen untersuchen lassen und der Anschlag käme heraus. Eric würde sich vielleicht nicht mehr um sie kümmern. Und was dann? Töten war keine gute Lösung. Es bestand immer die Möglichkeit, dass ihre Rolle entdeckt werden würde und das würde nicht in ihrem Sinne ausgehen.

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