(175) Alfi war ganz tapfer, fand Elli Zöllner, seine Mutter.

von Alain Fux

Alfi war ganz tapfer, fand Elli Zöllner, seine Mutter. Alfi ging vorsichtig vor ihr die letzten Stufen der Treppe hinunter. Hoffentlich würde Dr. Vogler, der Augenarzt, Recht behalten. Alfi schielte und Dr. Vogler hatte ihm das gute Auge mit einem Pflaster abgeklebt, damit das schlechte Auge vom Gehirn besser in Anspruch genommen wurde. Alfi hatte verstanden, dass es gut für ihn war, aber er sah in diesem Augenblick sehr viel schlechter als zuvor.

Elli half ihm, die schwere Haustür zu öffnen und ließ ihm den Vortritt. Dann war Alfi einem Mann geradewegs in die Beine gelaufen und Elli passte nicht auf, stieß zuerst mit ihren Beinen gegen Alfi und dann mit ihrem Oberkörper gegen den des Mannes. Sie entschuldigte sich, zog Alfi aus der Klemme und schaute erst dann dem Mann ins Gesicht.

Dabei bekam sie sofort Herzrasen, denn bei dem Mann handelte es sich um Kim Rosenkranz. Sie entschuldigte sich noch viel mehr, redete ihn mit Herrn Rosenkranz an und schob Alfi etwas hinter sich aus dem Weg.

Rosenkranz war nicht verärgert oder erschrocken. Er nahm den Zwischenfall als eine kleine Widrigkeit des Lebens an, mit der man einfach fertigwerden musste. Dabei redete er mit einer feinen, leisen Stimme – ganz anders als seine Filmstimme, die leicht dröhnte, vor allem wenn er etwas Witziges sagte.

„Herr Rosenkranz, es ist so unglaublich, Sie hier zu treffen… Haha, im wahrsten Sinne des Wortes… Ich bin ein großer Fan von Ihnen.“ Sie nahm ihren Mut zusammen. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn mein Sohn ein Foto von uns aufnimmt?“ Sie hatte bereits ihre Kompaktkamera aus der Handtasche gefischt, so dass Rosenkranz nur noch Zustimmung murmeln konnte. Dann stellte sich heraus, dass Alfi zu klein war. Elli konnte Rosenkranz nicht nötigen, sich mit ihr auf den Bürgersteig zu kauern. Deshalb zog sie beide mit sich zu einer Sitzbank. Alfi stellte sie darauf, schärfte ihm ein, was er zu tun hatte, um das Foto zu schießen. Dann nahm sie Rosenkranz am Arm und stellte sich mit ihm in Position.

Weil Elli so sehr mit ihrem eigenen Lächeln beschäftigt war, merkte sie nicht, dass Rosenkranz dabei wie ein Opferlamm aussah, das die Tortur nur hinter sich bringen wollte.

Alfi drückte auf den Auslöser und im gleichen Augenblick hatte Rosenkranz der Szene den Rücken gekehrt und ging weiter. Elli rief ihren Dank hinterher. Er hob nur kurz die Hand, ohne sich umzudrehen.

Elli konnte es nicht erwarten, dass der Film vollständig verknipst war und brachte ihn schnurstracks dem Fotografen zum Entwickeln. Nach zwei Tagen konnte sie den einzigen Abzug abholen. Als sie sah, dass ihr eigenes Gesicht nur zur Hälfte auf dem Bild war, brach sie in Tränen aus. Doch dann dachte sie an den armen Alfi, dem sie das Fotografieren aufgedrängt hatte und der dabei auf der Sitzbank balancierte, weil sein gutes Auge abgeklebt war. Er hatte wirklich sein Bestes gegeben, der kleine Prinz.

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