(174) Nussbeck hatte danach von selbst die Müllkippe immer gemieden.

von Alain Fux

Nussbeck hatte danach von selbst die Müllkippe immer gemieden. Wilhelm hatte er auch nie wieder gesehen. Manchmal glaubte er noch den Geruch des verbrannten Mülls in der Nase zu spüren. Genau wie an diesem Nachmittag, als er hätte schwören können, dass es Wilhelm war, der über den Zebrastreifen ging.

Während er am Unfallort wartete, erinnerte sich Nussbeck, dass er damals ein Foto auf der Müllkippe gefunden und eingesteckt hatte. Nachdem die Polizei alles aufgenommen hatte und sein Wagen abgeschleppt war, durfte Nussbeck mit einem Taxi nach Hause fahren. Dort nahm er seine große Kiste mit Erinnerungsstücken aus seinem ganzen Leben aus dem Schrank. Er wühlte darin, bis er das Foto wiederfand.

Darauf war rechts der Kopf von Kim Rosenkranz zu sehen, einem Schauspieler. Als Nussbeck das Foto auf der Kippe gefunden hatte, erkannte er Rosenkranz sofort. In dem ersten Film, den Nussbeck als Kind im Kino gesehen hatte, hatte er die Hauptrolle gespielt. Neben Rosenkranz war der Kopf einer Frau, die breit in die Kamera lächelte, zumindest auf der rechten Seite, denn die linke Kopfhälfte war von einem unachtsamen Fotografen abgeschnitten worden. Rosenkranz sah auf dem Foto sehr müde aus, als ob man ihn bei etwas gestört und vor die Kamera gezerrt hätte.

Rosenkranz war für Nussbeck in seiner Jugend ein Held gewesen. Egal in welcher scheinbar ausweglosen Situation sich Rosenkranz befand, er schaffte es immer mit ein paar witzigen Bemerkungen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Nussbeck und alle anderen Jungs in seiner Klasse versuchten Rosenkranz nachzuahmen. Seine besten Entgegnungen, seine Tics, alles hatten sie genau beobachtet und wandten es an, wenn sie glaubten die Gelegenheit dazu zu haben. Natürlich war ihr Timing schlecht und sogar als Parodie waren ihre Darbietungen nicht mit anzusehen. Nussbecks Mutter ertrug es meistens mit stoischer Ruhe und griff nur ein, wenn es wirklich zu viel wurde.

Irgendwann war das Thema durch, obwohl die Filmkarriere von Rosenkranz noch lange weiterging und Nussbeck seine Filme immer noch gerne sah. Er hatte nur eingesehen, dass eine Nachahmung sinnlos war. Lange Zeit hatte er das Bild von Rosenkranz immer wieder angeschaut und mit der Zeit war auch die Frau für ihn zu einer Mitheldin geworden. Sie war in Nussbecks Wahrnehmung unzertrennlich mit Rosenkranz verwoben. Er fragte sich, wie das Bild zustande gekommen war und in welcher Beziehung Rosenkranz mit der Unbekannten stand. Es war auf jeden Fall kein Profibild und es schien auch nicht bei einem offiziellen Anlass aufgenommen zu sein. Eher ein gestelltes Bild, auf der Straße aufgenommen.

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