(173) Schallplatten, Waschmitteltrommeln mit Modellautos, manchmal schmutzige Magazine…

von Alain Fux

Schallplatten, Waschmitteltrommeln mit Modellautos, manchmal schmutzige Magazine… All dies konnte man in großen Mengen auf der Müllkippe finden. Wolfram Nussbeck zweifelte nicht daran, was ihm seine Schulkameraden damals erzählten. „Montagabend ist am besten, denn montags kommen die reichen Viertel dran.“ Am folgenden Montag ging Wolfram nach der Schule nicht nach Hause. Seiner Mutter hatte er erzählt, dass er zu einem Freund ginge, um Hausaufgaben zu machen. Zu der Müllkippe kam man durch eine Straße, die von Büschen gesäumt einen Hügel erklomm. Bereits an den Büschen hingen Müllfetzen, die aus den Müllwagen gefallen waren. Und es stank nach verbrennendem Abfall. Als Wolfram oben ankam erwischte ihn ein Rauchschwaden und er musste schrecklich husten. Seinen Schulranzen versteckte er hinter einem Erdhaufen.

Die Kippe wuchs in verschiedene Richtungen, manche Teile waren auch schon wieder von Erde bedeckt. Wolfram sagte sich, dass die neuesten Anlieferungen dort sein müssten, wo die Feuer brannten und ging tapfer in diese Richtung. Obwohl er den dicksten Schwaden auswich, brannten ihm die Augen schon bevor er die Schüttkante erreichte.

Dann trat ein Schatten aus den Rauchschwaden. Ein großer Mann, der einen durchsichtigen Plastikregenmantel trug, darunter einen fleckigen blauen Overall, auf dem Kopf ein Hut aus grünem Loden und Gummistiefel an den Füßen. Im Mund ein dicker Zigarrenstummel, wodurch seine Unterlippe etwas herunterhing. „Junge, wie heißt du?“, fragte er und deutete mit dem Zigarrenstummel auf Wolfram, obwohl es sonst niemanden gab. „Ich bin Wolfram. Wer sind Sie?“ – „Karlheinrich Wilhelm. Du kannst mich Karlheinrich nennen. Hier auf der Kippe sind wir nicht so förmlich.“ Er streckte seine dreckige Hand aus. Wolfram zögerte, schüttelte sie dann. „Ich zeig‘ dir was!“.

Wilhelm führte ihn zu einem Stapel Kartons. Den obersten räumte er weg. „Da bist du noch zu jung.“ In dem Karton darunter waren Medikamente, als ob jemand seine Hausapotheke ausgemistet hätte. „Die sind noch alle gut!“, erklärte Wilhelm, nahm eine Pille aus einem der Fläschchen und steckte sie in den Mund. „Das hält einen gesund. Das und Obst.“ In dem untersten Karton waren Bananen. Wilhelm hielt ihm eine davon hin. Es ekelte Wolfram, aber er konnte nicht anders. Sie aßen beide je eine Banane. „Schmecken doch super, oder?“ Wolfram nickte gequält. „Und dann schauen wir mal, was wir beiden Hübschen hier sonst noch so unternehmen, was?“

Als Wolfram endlich zu Hause ankam, war es schon dunkel. Er war schmutzig, stank nach Müll und Rauch. Natürlich hatte er das Abendessen verpasst. Vater und Mutter nahmen ihn ins Verhör. Er sagte, dass er mit seinem Freund auf der Müllkippe war und sie die Zeit vergessen hätten. Wenigstens glaubten sie ihm, ohne bei dem Freund anzurufen. Es blieb bei einer Ermahnung und einem Verbot noch einmal zu der Müllkippe zu gehen.

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