(172) Hallo, Herr Leitner? Hier spricht Wolfram Nussbeck…

von Alain Fux

„Hallo, Herr Leitner? Hier spricht Wolfram Nussbeck… Genau der. Störe ich Sie gerade?… Gut, ich meine, nicht ganz so gut. Ich habe einen Unfall… Nein, nur Materialschaden, Gottseidank… Ja, wenn Sie Zeit haben, kann ich Ihnen das gerne schildern… Ich fahre auf der B223, Richtung Süden. Rechts ist eine Busspur, ich bin auf der linken Spur. Die Straße kommt zu einer Kreuzung, ich habe grün und fahre mit kaum mehr als 50 Stundenkilometer über die Kreuzung. Da taucht ein Mann auf dem Zebrastreifen auf und ich erschrecke dermaßen, dass ich den Wagen verreiße und den Lampenmast auf der Verkehrsinsel ramme… Nein, es geht noch weiter… Der Mast fällt um, auf die andere Straßenseite, einem Wagen auf den Kühler. Der bremst und zwei weitere krachen ineinander… Es sieht sehr unschön aus hier… Eigentlich hätte ich den Fußgänger sehen müssen, das stimmt… Nein, wo denken Sie hin? Ich habe keinen Tropfen getrunken, es ist helllichter Tag… Gar nichts. Ich habe nicht telefoniert, es war keine Wespe im Wagen, kein nörgelnder Beifahrer. Es ist so, als ob ich einen Blackout gehabt hätte… Nein, so etwas hatte ich noch nie…“

Nussbecks Schilderung entsprach der Wahrheit – bis auf einen Punkt. Er wusste, warum er die Kontrolle über das Auto verloren hatte, auch wenn er den Grund nicht genau verstand. Als er an der Verkehrsampel vorbeigefahren war, sah er den Fußgänger auf dem Zebrastreifen. Es war ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, graue Haare, eine Brille, heller Regenmantel, grüner Lodenhut, leicht hängende Unterlippe.

Bei Nussbeck hatte die Wahrnehmung des Mannes eine direkte Verbindung zu seinem Gedächtnis geschlagen. Diese Verbindung war so intensiv, dass jegliche Aktivität seines Gehirns in der kurzen Zeitspanne zurückgestellt wurde. Mehrmals fragte das Gedächtnis nach, ob die Wahrnehmung keiner Täuschung oblag. Jedes Mal kam ein neues Bild, das die vorherigen bestätigte.

In dieser Zeit waren kostbare Meter Bremsweg vergeudet worden und als Nussbeck schließlich reagierte, war Bremsen keine Option mehr, er konnte nur noch ausweichen. Er riss das Steuer nach links und hing dann auch schon mit dem Kühler am Lampenmast.

Dass dieser knickte, konnte er nicht mehr erkennen, denn er hatte nur die weiße Folie des Airbags vor Augen und war etwas benommen. Passanten klopften an das Fenster und irgendwann öffnete er selbst die Tür und stieg schwankend aus. Da war die Kreuzung schon in ein wrackübersätes Chaosfeld verwandelt worden. Der Fußgänger, der Nussbeck so sehr an Karlheinrich Wilhelm erinnert hatte, war nirgends mehr zu sehen.

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