(167) Cordt Niemeyer war keiner, der aufgab, wenn es schwierig wurde.

von Alain Fux

Cordt Niemeyer war keiner, der aufgab, wenn es schwierig wurde. Ganz im Gegenteil. Je größer die Herausforderung, desto entschlossener stellte er sich ihr. Auch jetzt hatte er nicht den Eindruck, am Ende seiner Möglichkeiten zu sein. Allerdings war es unwahrscheinlich, dass er die selbst gestellte Aufgabe in diesem Leben noch lösen würde.

Im ersten Teil seines Lebens war Niemeyer ein überaus erfolgreicher Unternehmer gewesen und damit unermesslich reich geworden. Er konnte alles tun, wonach ihm der Sinn stand und wohl deshalb wurden die Möglichkeiten immer fader. Er hatte damals Hilfe gebraucht.

Zuerst suchte er einen Psychologen auf, dem er seine Langeweile schilderte. Der Psychologe sagte ihm, er solle sich ein Hobby suchen. Wenigstens hatte er ihm keine jahrelange Therapie verordnet.

Niemeyer ging zu Alfred Heber, dem Pfarrer der Gemeinde in der er wohnte. Heber fragte ihn nach seinem Alter und ob er sich Gedanken über das Jenseits mache. Niemeyer verneinte. Der Pfarrer sprach von der Endlichkeit des Lebens und der Unendlichkeit des Jenseits. Doch da erreichte er sein Gegenüber schon nicht mehr.

Niemeyer hatte eben eine Eingebung gehabt. Er kombinierte die Ratschläge der beiden Seelenexperten und setzte sich eine Herausforderung. Er wollte eine geschlossene Aktion finden und durchführen, in der er mit einem Schlag alle sieben Todsünden gleichzeitig begehen würde. Wenn das kein Hobby war. Er las in der Folge alles, was er über die Todsünden finden konnte. Er erstellte Listen von Aktionen, die die einzelnen Sündenmöglichkeiten darstellten.

In seinem ersten Leben war er auch Sünder gewesen, allerdings, so stellte er fest, in einem kleinen abgesteckten Rahmen. Dies hier sollte die Mutter aller Todsündencluster werden. Mit der Zeit schien es ihm, dass nicht die Durchführung das Problem war, sondern die Planung. Er konnte sich keinen geschlossenen Ablauf ausdenken, in dem er alle sieben Todsünden beging. Fünf oder sechs war das Maximum.

Ein mögliches Szenario war:

Er sah sich in einem Badehaus, umgeben von Frauen, die ihn befriedigten (Wollust). Die Frauen wurden dazu gezwungen, als Stellvertreterinnen aller Frauen, die sich ihm jemals versagt hatten (Zorn). Nicht einmal richtig entschädigen wollte er sie für ihr Mitmachen (Geiz). Dazu schlang er große Mengen an Kaviar in sich hinein und trank Champagner dazu (Völlerei). Um ihn herum: arme, hungrige Leute, die alles mitansehen mussten (Hochmut). Er selbst hatte den Blick gerichtet auf einen anderen Mann, der von schöneren Frauen befriedigt wurde und dabei besseren Kaviar und teureren Champagner vertilgte (Neid).

Niemeyer hatte aber das Problem, dass er die Faulheit, die siebte Todsünde, nicht einbauen konnte, denn dafür war die Aktion schlicht zu aufwändig. Während die Jahre mit diesen Überlegungen vergingen, lebte Niemeyer ein sehr zurückgezogenes Leben. Eines Morgens wachte er nicht mehr auf.

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