(165) Christian stieß den Stock mit der Pestfahne, dem Totenkopf, dreimal gegen das Pflaster.

von Alain Fux

Christian stieß den Stock mit der Pestfahne, dem Totenkopf, dreimal gegen das Pflaster. Er stellte die Laterne ab und rückte die Ledermaske mit dem langen Schnabel zurecht. Auch den Sitz seines Dreispitzes überprüfte er. Die Touristen versammelten sich um ihn. Er stellte sich vor als „Dr. Schnabel, der Pestarzt“ und lud alle ein auf einen Rundgang zu den Orten der Stadt, an denen im Mittelalter die Pest gewütet hatte. Christian sammelte die Teilnahmescheine ein und genoss es, dass die meisten der Gruppe es vermieden, seine Hände, die in schwarzen Handschuhen steckten, zu berühren. Nadia hatte ihn bisher noch nicht in seiner Stadtführerkluft gesehen. Vielleicht sollte er sie mal so im Zoo besuchen.

Als die Gruppe vollständig war, führte er sie zuerst an einen ruhigeren Ort, wo er die Einführung zu dem Rundgang machte: „Wir gehen zurück ins Jahr 1492. Eine gewaltige Pestepidemie suchte die Stadt heim. Jede Woche starben über 1.000 Leute.“ Er ging zwischen der Gruppe umher, damit die meisten der Touristen emotional auf ihn konzentriert waren. „Die Obrigkeit befahl, alle Katzen und Hunde zu töten. Das war fatal, denn damit hatten die wahren Schuldigen ein noch leichteres Spiel… Die Ratten!“ Christian zog eine Plastikratte unter dem Mantel hervor und warf sie in die Luft.

Mit einem Quieken stob die Gruppe auseinander und die Ratte landete in der Mitte. Christian sammelte sie zufrieden wieder ein. Er hatte die Gruppe im Griff. Die Tour konnte beginnen. Er erzählte ihnen, wie die Leichen eingesammelt wurden, wo sie verbrannt wurden und wer sich darum kümmerte. Die Pestärzte waren eigentlich mindere Ärzte, die kein anderes Auskommen hatten. Sie waren quasi frühe Kassenärzte, die von der Stadt bezahlt wurden und dafür reich und arm gleichermaßen behandelten. Er erklärte ihnen das Wundermittel, mit dem man die Krankheit heilen wollte: aufgespießte und in Essig eingelegte Kröten, die man auf die Beulen legte. In Wirklichkeit half es aber, die Beulen aufzuschneiden, damit der Eiter abfließen konnte.

An einem Haus mit Butzenscheiben blieb Christian stehen und erklärte: „Hier in diesem Haus schrieb ein Mann an einem Werk, das zur berühmtesten Moralsatire des Mittelalters wurde. ‚Das Narrenschiff‘ von Sebastian Brant erschien 1494 und wurde schon zu seinen Lebzeiten 16 Mal aufgelegt und dazu in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt. Hinzu kamen viele Raubdrucke. Ja, die Rechtepiraterie war damals schon ein Problem.“

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