Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: August, 2016

(195) Von dem Panzerkampfwagen IV waren zwischen 1937 und 1945 insgesamt 8.525 Stück produziert worden.

Von dem Panzerkampfwagen IV waren zwischen 1937 und 1945 insgesamt 8.525 Stück produziert worden. Allein bis Januar 1945 waren davon 6.250 komplett zerstört worden. Nach dem Krieg wurden viele der verbliebenen Panzer von anderen Armeen genutzt: Sowjetunion, Rumänien oder Ungarn zum Beispiel. Rumänien grub einige davon als Bunker ein und nutzte sie noch lange weiter. Auch die Türkei, Kroatien und Finnland setzten die Fahrzeuge ein. Beutestücke aus Nordafrika wurden von Syrien und Jordanien im Sechstagekrieg gegen Israel verwendet.

Nach und nach konnte Leo Wessel den aktuellen Ort von 62 Panzerkampfwagen IV ausmachen. 25 davon waren Wracks, die deshalb überhaupt nicht in Frage kamen. Ein Panzer IV stand in einem englischen Museum und war derart umgebaut worden, dass er ebenfalls nicht mehr brauchbar war. 32 Panzer waren zumindest optisch in annehmbaren Zustand, aber wohl nicht mehr fahrtüchtig. Damit fielen auch sie aus.

Es verblieben vier Exemplare, die in Frage kamen.

Panzer A: Wehrtechnische Studiensammlung Koblenz (Deutschland). Ausführung H. Fahrgestellnummer 84611. Ursprünglich an Spanien geliefert, in den 60er Jahren zurückgegeben. Fahrtüchtig.

Panzer B: Brigada Acorazada XII, El Goloso, Madrid (Spanien). Ausführung H. Turmnummer 85596. Fahrgestellnummer 84632. Wurde restauriert durch Verwendung der besten Ersatzteile von drei Panzern, daher die unterschiedlichen Teilenummern. Voll fahrtüchtig.

Panzer C: Königlich Jordanisches Tankmuseum (Jordanien). Ausführung H. Fahrgestellnummer nicht bekannt. War als Wrack an der Finnisch-Russischen Grenze gefunden worden und vom Museum wieder instandgesetzt. Voll fahrtüchtig.

Panzer D: Kubinka Tank Museum (Russland. Ausführung G. Turmnummer 82993. Fahrgestellnummer 82937. Bei Krupp gebaut, im Einsatz der 23. Panzerdivision bis Januar 1943, als es außer Gefecht gesetzt wurde. Dann von der Roten Armee instandgesetzt und als Übungsfahrzeug genutzt. Fahrtüchtig.

Jordanien schien Leo zu weit entfernt für einen Einsatz in Europa. Er würde sich zunächst den spanischen und den deutschen Panzer anschauen, danach weiter nach Kubinka.

Er rief Jeff an, erzählte ihm von seinen Erkenntnissen. Jeff war einverstanden, die Reisekosten zu übernehmen. „Leo, nur zur Sicherheit, könntest du nachfragen, ob die Panzer auch noch schießen können?

(194) Leo konnte Hank davon überzeugen, dass er nicht mit Horst Wessel verwandt war.

Leo konnte Hank davon überzeugen, dass er nicht mit Horst Wessel verwandt war. „Schade“, meinte Hank.

Ihre Zusammenarbeit lief aber weiter gut. Hank konnte sich zwar nicht durchringen, Leo als Teilhaber mit aufzunehmen, aber er bezahlte ihn ausgezeichnet. Leo war das recht, denn so fühlte er sich freier, auch andere Dinge zu unternehmen. Zum Beispiel wurde er mit der Zeit auch als Militärberater für Filmproduktionen herangezogen. Natürlich immer bei Kriegsfilmen aus dem Zweiten Weltkrieg. Manchmal aber auch bei skurrilen Streifen, wie zum Beispiel als er einen Zombiefilm ausstattete, in dem untote SS-Soldaten herumgeisterten.

Eines Tages erhielt er einen Anruf von Jeff Hill, einem Associate Producer von Ten Second Productions, den er bei einer Party kennen gelernt hatte. Es ging um ein neues Projekt: ein Film mit dem Arbeitstitel ‚D-DAY‘ über die Landung der Amerikaner in der Normandie. „Wie ‚Der längste Tag‘, aber moderner, besser.“ Sie trafen sich in Jeffs Büro. Jeff erzählte, dass die Produktion in Europa stattfinden würde, der genaue Drehort werde aber noch gesucht. Die meisten Aspekte der Ausstattung waren bereits gelöst. Jeff zeigte Leo Fotos der ausgewählten Uniformen. Leo konnte nur bestätigen, dass alles sehr authentisch aussah und dass er es nicht besser gekonnt hätte. Natürlich hätte er diesen Auftrag auch gerne selbst ausgeführt, aber es wäre nicht hilfreich, bei Jeff deswegen zu nörgeln.

Es gab allerdings einen Punkt, an dem es Probleme bei der Ausstattung von ‚D-DAY‘ gab. Die deutsche Seite sollte exemplarisch durch die 21. Panzerdivision der Wehrmacht dargestellt werden. Der Regisseur (bei dessen Erwähnung Jeff mehrmals mit den Augen rollte und den er nie mit Namen bezeichnete), hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass man dafür mindestens zwei fahrtüchtige Panzerkampfwagen IV benötigte. Bisher war es nicht gelungen, solche Fahrzeuge aufzutreiben. Jeff fragte Leo, ob er dabei helfen wollte. „Das mache ich gerne, versprechen kann ich aber nichts. Schießen müssen sie aber nicht können, oder?“ Jeff lachte zuerst, hielt dann aber inne und bat Leo, eine solche Frage niemals in ‚seinem‘ Beisein zu stellen.

„Du musst dich auch darauf gefasst machen, dass ich gezwungen werde, öfters nachzufragen. Das bin dann aber nicht ich, sondern ‚er‘.“ – „Kein Problem. Ich klemme mich gleich heute dahinter und werde ein paar Armeehistoriker anschreiben, die ich kenne. Immerhin kann man diese Panzer ja nicht in die Vitrine stellen, wo keiner sie sieht.“

(193) Trotzdem wollte Leo auf keinen Fall nach Hause zurück.

Trotzdem wollte Leo auf keinen Fall nach Hause zurück. Außerdem war das Wetter in Kalifornien besser. Für den letzten Vorsprechtermin, den er besuchte, natürlich wieder ein Soldat aus Nazideutschland, wollte er sich einen Wehrmachtshelm ausleihen, um authentischer rüberzukommen und um größer zu wirken. Freunde hatten ihm Tucker’s Show and Performance empfohlen, einem Lager für Requisiten.

Als Leo hereinkam war Hank Tucker, der Besitzer, dabei ein Bündel an gerade angelieferten, nachgemachten SS-Gürteln zu prüfen. Tucker schaute Leo zuerst gar nicht an und ließ sich bei seiner Arbeit nicht stören. „Da ist ein Fehler“, sagte Leo zu ihm und deutete auf den Gürtel. Unwirsch sah Tucker hoch. „Fehler? So ein Schwachsinn. Oder kennst du dich damit aus?“

Leo erklärte ihm, dass auf den Gürteln stand ‚Meine Enre neibt Treue!‘ und dass dies falsch sei. Tucker glaubte ihm nicht und nahm erst Fotos als Vergleich zur Hilfe. „Mann“, sagte er dann freundlich, „das ist aber gut, dass dir das aufgefallen ist. Damit hätte ich mich blamiert. Verstehst du Deutsch? Kannst du gotische Schrift lesen? Ja? Du bist mein Mann. Ich stell dich sofort ein.“

So kam es, dass Leo einen Job bei einem Requisiteur in Los Angeles bekam und dort zu einem Experten für deutsche Uniformen des Dritten Reichs wurde. Bei schwierigen Fällen konnte Leo eine E-Mail an einen Experten in Deutschland schicken. Hank hatte zwar viele Bücher zu dem Thema angesammelt, aber immer nur die Bilder betrachten können. Jetzt hatte er mit Leo jemand, der auch den Text verstand. Manche englischen Texte, meistens von Geschichtswissenschaftlern, die er bei seinen Recherchen fand, gab er auch mal Hank zu lesen. Eines Tages fand er einen guten historischen Abriss der Geschichte der SA und gab Hank das Buch zum Lesen.

Ein paar Tage später registrierte er Veränderungen bei Hank. Tucker behandelte ihn, als ob er über Nacht Millionär geworden wäre. Bis zur Mittagszeit ließ Leo die Behandlung über sich ergehen. Beim gemeinsamen Essen stellte er Hank zur Rede. „Ich habe jetzt verstanden“, sagte Hank, „warum du dich in dem Thema so gut auskennst…“ Leo machte ein fragendes Gesicht. „Es liegt dir im Blut. Kann ich es den Kunden erzählen? Das ist ein wahres USP, wir müssen es nutzen.“ Leo verstand immer noch nicht. Dann zog Hank das Buch über die SA hervor und schlug eine Fotoseite auf. Darauf war ein koloriertes Foto zu sehen. Untertitel : ‚Horst Wessel an der Spitze seines Sturmes in Nürnberg, 1929‘. „Kann ich ein Autogramm von dir haben?“, fragte Hank.

(192) Rocky Balboa war Leo Wessels Held.

Rocky Balboa war Leo Wessels Held. Eine seiner liebsten Posen war es, beim Joggen mit Zipfelmütze auf dem Kopf und einem Handtuch um den Hals zu laufen. In der Schule tat er sich schwer. Dann hatte er endlich seinen Abschluss geschafft. Schon Wochen vorher hatte er gesagt, dass er gleich im Anschluss daran nach Hollywood fliegen würde. Immer wieder hatte er angekündigt, dass er zum Film wollte. Natürlich hatte ihn niemand Ernst genommen. Doch dann war er weg und seine Eltern und seine Freunde erhielten Postkarten aus Los Angeles. „Er ist volljährig“, sagte sein Vater schulterzuckend zu seiner Mutter. „Er wird zurück kommen“, antwortete sie.

Natürlich war der Anfang von Leos Filmkarriere mühsam. Er hatte den Großteil seiner Ersparnisse für den Flug ausgegeben und arbeitete bald als Bedienungshilfe in einem Restaurant. Doch dann hatte er Glück und wurde Wrestling Coach in einem College. Sein kompromissloser Stil erntete ihm viel Respekt von seinem Team, das er zu neuen Höhen anspornte.

Immer noch hatte er aber die Schauspielerei im Kopf und nahm Schauspiel- und Sprachunterricht. Er hatte eine Reihe von Vorsprechterminen, meistens für Nazirollen in Kriegsfilmen. Er bekam allerdings keine davon. Meistens störten sich die Casting-Agenten an seiner Statur, die ihnen zu klein war.

Einer seiner Schüler erzählte ihm dann von einer Rolle für eine TV-Serie: es wurde ein Ringer gesucht. Beim Casting sagte man ihm, dass das Script sich geändert habe und man jetzt eher einen Judokämpfer suchte. Er gab an, er könne auch Judo. Für die paar Griffe, die er vorführen sollte, reichten seine Kenntnisse.

Am nächsten Tag rief man ihn an, er hatte die Rolle. Die Produktion fand noch in der gleichen Woche statt und dauerte nur einen Drehtag. Der Titel der Folge, in der er auftrat, war ‚Charlie X.‘ und die Serie hieß ‚Star Trek‘. Leo musste ein paar Judogriffe mit einem Schauspieler namens William Shatner trainieren. Shatner spielte den Kapitän des Raumschiffs. Der dritte Schauspieler auf dem Set war ein Junge, Charlie X., den die Crew auf einem Planeten eingesammelt hatte und der übersinnliche Kräfte besaß.

Leo musste ihn in der Szene auslachen und wurde dafür von Charlie X. in Luft aufgelöst. In der fertigen Sendung dauerte die Szene genau 113 Sekunden, dann war Leo verschwunden.

Leider gab es keine Chance für ihn öfters in der Serie aufzutreten, denn sonst waren keine Ring- oder Judoszenen vorgesehen. Zumindest hatte er jetzt eine Referenz für seinen Lebenslauf. Allerdings bekam er auch damit keine Rollen. Als er ein paar Jahre später den Ausspruch von Andy Warhol über die 15 Minuten Ruhm hörte, musste er lachen. Seine 15 Minuten hatten nur knapp zwei Minuten gedauert und außer ihm hatte keiner etwas davon mitbekommen.

(191) Arno Kutzner und Leo Wessel standen sich gegenüber, unter ihnen war auf der Matte ein roter Punkt markiert.

Arno Kutzner und Leo Wessel standen sich gegenüber, unter ihnen war auf der Matte ein roter Punkt markiert. Wessel trug rot, Kutzner blau. Es war die dritte Runde im Finale und es stand unentschieden. Wessel war genau so schlank wie Kutzner, hatte aber eine recht beachtliche Körperbehaarung, sogar auf dem Rücken.

Die Gegner waren nach den beiden ersten Runden bereits recht erschöpft. Sie waren sich in Technik und Ausdauer etwa ebenbürtig. Der Kampfrichter gab den Kampf frei. Beide Ringer belauerten sich und zogen von einer Seite des Rings zur anderen. Stehend hielten sie sich mit ausgestreckten Armen am Nacken umschlungen. Wessel duckte sich, packte Kutzners Standbein und versucht ihn aus der stehenden in die kniende Position zu bringen. Kutzner hatte damit gerechnet, verlagerte sein Gewicht und ließ Wessels Angriff ins Leere gehen.

Kutzner warf sich jetzt auf die Knie und umfasste Wessels haarige Beine. Wessel drehte sich im Fallen um und landete auf den Händen. Kutzner versuchte ihn zu wenden. Wessel stemmte einen Arm zur Seite, um genau das zu vermeiden. Dabei kugelte er sich zusammen, wie ein Igel, um möglichst wenig Griffe anzubieten. Kutzner zog Wessel mehr zur Ringmitte zurück und hob Wessels Beine, um ihn umzudrehen. Wessel machte sich breit und blieb auf der Brust liegen. Kutzner keuchte vor Anstrengung und mühte sich ab. Irgendwann flüsterte er in Wessels Ohr, so leise, dass der Kampfrichter es nicht hören konnte: „Du bist doch nur ein behaarter Affe!“ Dabei kniff er an Wessels Brust das Trikot zusammen und zog daran. Wessel winselte, als Kutzner ihm ein Büschel Brusthaare ausriss. Bei diesem Ablenkungsmanöver griff Kutzner Wessel um die Taille, hob ihn hoch und schleuderte ihn auf den Rücken. Mit den Händen konnte er Wessels Schultern schließlich niederdrücken.

Ein Pfiff des Kampfrichters. Kutzner hatte Wessel besiegt und sprang triumphierend auf. Seine Mannschaft applaudierte. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Wessel zum Kampfrichter ging, ihm seine Brust zeigte und sich beschwerte. Der Kampfrichter beriet sich mit dem Punktrichter. Kutzner war erleichtert, als beide den Kopf schüttelten.

Der Kampfrichter nahm die beiden Gegner an den Händen und hob Kutzners Arm zum Zeichen seines Sieges. Wessel schaute Kutzner hasserfüllt an. Danach kam die Siegerehrung und Kutzner erhielt eine Ringerfigur auf einer Stele. Wesel war verschwunden.

Als Kutzner nach dem Duschen zu seinem Fahrrad ging, wartete Wessel auf ihn. Kutzner wollte weglaufen, Wessel war aber schneller. Er drückte ihn hinter einer Außentreppe aus Beton gegen die Wand und verprügelte ihn. Als Kutzner nur noch weinend dalag, urinierte Wessel noch auf ihn und ließ ihn liegen.

(190) Mein Sohn Arno hat eben einen großen Vertrag unterschrieben.

„Mein Sohn Arno hat eben einen großen Vertrag unterschrieben.“ Frau Kutzner hatte gerade die Zeitung aus dem Briefkasten geholt und dabei ihre Nachbarin Frau Terzner getroffen. Beide waren gleich alt und lebten alleine.

Frau Terzner hatte ihr berichtet, dass ihre Tochter zum dritten Mal schwanger sei und sie sich sehr auf ein weiteres Enkelkind freute. „Es ist immer wieder eine große Freude, so ein kleines Ding in den Armen zu halten. Unglaublich wie schnell sie wachsen. Wie geht es denn Arno?“ So hatte Frau Terzner gefragt.

Frau Kutzner war niemand, der sich auf einen Wettbewerb einließ. Aber für einmal konnte sie kontern. Arno hatte sie am Tag vorher angerufen. Es kam selten vor, denn der Junge war immer sehr beschäftigt. Ständig auf Achse und unter Strom. Manchmal meldete er sich Wochen nicht, aber dann rief er wieder an. Selten kam er vorbei, um sie zu besuchen. Aber dafür hatte sie Verständnis. Der Sport war schon immer seine große Leidenschaft gewesen. Besonders das Ringen.

Als Junge war er ganz gut darin gewesen. Dann hatte er weniger Zeit dafür gehabt, sich die Leidenschaft aber immer bewahrt. Ihr selbst gab Ringen überhaupt nichts. Aber sie hatte den Jungen bei entscheidenden Wettkämpfen immer besucht.

Auf jeden Fall hatte Arno eine Idee gehabt, um das traditionell etwas staubige Ringen ins Showgeschäft einzuführen. Wie beim amerikanischen Catchen, das sie manchmal aus Versehen im Fernsehen sah und wobei sie immer gleich weiter schaltete. Diese dicken, verschwitzen und behaarten Männer in zu eng geratenen Sportklamotten – nein, das wollte sie sich nicht anschauen. Arno meinte auch, dass seine Sendung ganz anders sein würde. Vor allem schöner und ansprechender auch für Frauen. Denn diese waren für die Fernsehleute eine wichtige Zielgruppe beim Sport. Ja, er hatte bereits Gespräche mit dem Fernsehen und es sah sehr vielversprechend aus. Er war auf dem Weg zum Erfolg. Und ja, vielleicht würde Arno dann auch endlich einmal eine Frau finden, anstatt dass er wie ein einsamer Vagabund durchs Leben gehen musste.

Frau Terzner schien auf jeden Fall beeindruckt von diesen Entwicklungen. Es war schön für Frau Kutzner, auch einmal etwas erzählen zu können, bei dem sie nicht wie ein Trottel dastand, sondern wo es um richtige Erfolge ging. Was war schon eine weitere Geburt gegenüber einer richtigen Fernsehsendung. Auch wenn es um verschwitzte und behaarte Männer ging. Als sie wieder im Haus war, nahm Frau Kutzner einen Staublappen, holte die Ringer-Trophäen von Arno aus der Vitrine und brachte den goldenen Kunststoff zum Glänzen.

(189) Willkommen bei Bel Hair!

„Willkommen bei Bel Hair!“ Er hatte dunkle, kräftige Haare gehabt. Dörthe könnte nicht sagen, wie vielen Menschen sie bereits die Haare gewaschen hatte, aber bei Arno Kutzner fühlte es sich irgendwie anders an. Sie spürte, dass er es genoss, wie sie seine Kopfhaut massierte. Er hatte die Augen geschlossen und sie konnte sein Gesicht im Spiegel studieren. Seine Augenbrauen waren sehr breit und expressiv, Sein Kinn war kräftig, markant. Durch die nachwachsenden Bartstoppeln kam die Kontur samt der Grübchen sehr schön heraus. Beim Haareschneiden kamen sie weiter ins Gespräch.

Er erzählte, dass er Sportmanager sei und gerade vor einem großen Abschluss stehe. Er hoffte, dass ihr Haarschnitt ihm Glück bringen würde.

Einen Tag später war er wieder da und umarmte sie überschwänglich: er hatte den Auftrag bekommen. Er lud sie zum Essen ein. Danach waren sie in einer Bar und tranken viel. Er brachte sie nach Hause, sie nahm ihn mit hinein. Sie landeten im Bett. Sie wollte ihm gerade den Gürtel aufmachen, als ihr schlecht wurde und sie sich ins Bett übergab. Dann hatte sie keine Erinnerung mehr.

Am nächsten Morgen wachte sie mit einem fürchterlichen Kater auf. Arno brachte ihr Frühstück ans Bett. Das Bettzeug war gewechselt und sie trug einen Schlafanzug. Sie fühlte zwischen ihren Beinen, es schien sonst nichts passiert zu sein. Arno machte sich Vorwürfe, dass er die Ursache war und ihr zu viel nachgeschenkt hatte. Sie nahm ihn vor sich selbst in Schutz.

Einen Tag später trafen sie sich wieder und blieben gleich bei Dörthe. Sie verliebte sich in seinen Geruch, frisch und doch männlich herb. Am nächsten Morgen sagte er ihr, dass er für längere Zeit weg sei, auf Investorensuche. Er hatte einen Vertrag für eine Reihe von Sportevents im Ringen, aber er brauchte noch eine Anschubfinanzierung. Leider war gerade all sein Geld bereits in anderen Projekten eingebunden. Mit dem Vertrag in der Tasche würde er europäisches Ringen so groß machen wie Wrestling in den USA. Eine sichere Sache, er kannte alle Verbandsleute und die Verantwortlichen in den Fernsehsendern, die nur auf gutes Programm warteten.

Sie bot ihm an, von ihr Geld zu leihen. Er lehnte ab. Sie bestand darauf. Er nahm an. Nachher fuhren sie zur Bank.

Kurz darauf musste Arno im Land herumreisen, um die besten Ringer unter Vertrag zu nehmen. Er hatte ihr gesagt, dass es 269  Vereine gab, die er alle besuchen müsse. Sie hörte nie wieder von ihm. Es war ihr zu peinlich, zur Polizei zu gehen, obwohl Claudia sie dazu drängte. Dabei hatte Dörthe im Gespräch mit Claudia die geliehene Geldsumme bereits um die Hälfte reduziert. Auf jeden Fall hatte Arno die besten Haare gehabt, die sie je gewaschen hatte und er hatte trotz allem in ihrer schwächsten Stunde keinen Vorteil von ihr genommen. Das war ihr wichtig.

(188) Claudia Schwenk hatte gerade den Azubi in der Wäschekammer zurechtgewiesen…

Claudia Schwenk hatte gerade den Azubi in der Wäschekammer zurechtgewiesen, dass er Kundinnen etwas zum Trinken anbieten sollte, sobald sie saßen. Der Junge kapierte das einfach nicht. Als sie wieder hinter der Kasse stand und die Terminliste prüfte, kam Rüdiger herein. Breitestes Lächeln, ein wahrer Sonnenschein. Immer wenn sie ihn sah, war es, als ob sich ihr Unterleib zusammenzog. So wie er es immer tat, kurz bevor sie Sex hatte. Mit Rüdiger hatte sie auch mal eine Affäre, es war aber nur kurz gewesen und eigentlich enttäuschend. Rüdiger hatte auch nicht darauf gedrängt, die Erfahrung zu wiederholen. In der Hinsicht schien er keine Engpässe zu haben.

Trotzdem hatte er etwas an sich, das ihr sehr nahe ging. Das war sehr irritierend. Sie trieb Sport zu allen unmöglichen Tageszeiten und verkniff sich Essen und Trinken, um ihren Körper in Schuss zu halten. Und dann, bei der bloßen Sicht von Rüdiger Heinemann, ließ ihr Körper sie im Stich. Sie fühlte sich verraten.

Rüdiger machte zuerst die Runde im Bel Hair-Salon und begrüßte ihre Mitarbeiter, bevor er zu ihr kam und, sie glaubte es nicht, Anstalten machte ihr beim Luftküsschengeben eine Hand auf den Po zu legen. Sie riss eine Schranktür auf und er musste seine Hand zurückziehen. „Gehen wir ins Café“, sagte sie. Im Salon gab es keine Diskretion. Sie nahm den breiten Gürtel mit den Werkzeugtaschen und dem Scherenholster ab und legte ihn auf den Stuhl. Sie spürte, wie er ihren Körper in dem enganliegenden Catsuit aus Lycra musterte.

Im Café eröffnete sie ihm, dass sie kein Interesse mehr an dem Modeschmuck habe. Der Neuheitseffekt sei abgelaufen und es habe sich auch schon herumgesprochen, dass es gesundheitlich überhaupt nichts bewirkte. Rüdiger nickte verständnisvoll und versuchte nicht, sie umzustimmen. Das irritierte sie. Dann fragte er sie, ob sie sich denn trotzdem noch sehen könnten. Er hatte nichts begriffen. Wie konnte er diese Ablehnung nicht persönlich nehmen? „Nein“, sagte sie und ging zurück nebenan in den Salon. Kurz darauf stand er noch draußen vor der Tür und beobachtete sie. Sie ignorierte ihn. Dann war er weg. Wenigstens hatte er keinen Skandal produziert.

Dörthe, genauso alt wie Claudia und mehr eine Freundin, als eine Angestellte, hatte natürlich alles mitbekommen und konnte den Mund nicht halten. „Du bist zu hart zu ihm“, sagte sie später in einer Zigarettenpause. Claudia zerrieb den Zigarettenstummel unter ihren Stiefeletten und antwortete: „Dörthe Knoll, ich glaube nicht, dass irgendetwas dich qualifiziert, mir Männertipps zu geben.“

(187) Emma Heinemann überprüfte, ob der Scan ihrer Zeichnung dem Original entsprach…

Emma Heinemann überprüfte, ob der Scan ihrer Zeichnung dem Original entsprach, dann schloss sie die Datei und schickte die E-Mail an ihren Lieferanten ab. Damit hatte sie das letzte Stück für die neue Kollektion abgeschlossen. In einer Woche würde sie zu dem Fabrikanten nach China fliegen, um alle Muster abzunehmen. Dann konnte die Produktion beginnen.

Sie stellte eine leere Tasse in die Espressomaschine und drückte den Knopf. Sie konnte mit sich zufrieden sein. In den letzten fünf Jahren hatte sie aus einem Hobby ein gutgehendes Geschäft gemacht. Zuerst hatte sie ein Armband mit Magnetsteinen für sich selbst kaufen wollen. Es war ihr aber zu teuer gewesen. Deshalb hatte sie es nachgebaut. Freundinnen wollten das gleiche. Dann hatte sie eigene Entwürfe angefertigt und im Freundeskreis verkauft. Schließlich hatte ihr Friseur angeboten, die Schmuckstücke in seinem Salon anzubieten. Er gab ihr auch die Möglichkeit, bei einer Messe für Friseurbedarf auszustellen. Das war ein voller Erfolg gewesen. Sie konnte ihren Job bei der Konzert-Agentur kündigen.

Und jetzt war Emma mit ihrer Emma-Kollektion der größte Anbieter von Magnetschmuck bei Friseuren. Die tatsächliche Fertigung der Stücke hatte sie schon längst abgegeben. Eine Zeichnung genügte und der Schmuckhersteller in China lieferte ihr genau, was sie brauchte.

Die Selbständigkeit war für Emma ein Erfolg auf der ganzen Linie. Außerdem hatte sie damit auch Rüdiger besser im Griff. Während sie sich um Design und Logistik kümmerte, war er unterwegs und erledigte den Verkauf. Früher wusste sie nie, was er gerade machte, jetzt kannte sie zumindest seine Tourenplanung.

Sie liebte ihn, aber er war, wie sie von Anfang an wusste, ein Hallodri. Zum einen hatte er immer Frauengeschichten gehabt. Emma wusste davon, aber sie hatten das stille Einverständnis, dass er diskret sein würde und sie darüber hinweg sehen würde. Zum anderen hatte er ständig unausgegorene Geschäftsideen. Einmal hatte er die Idee, einen Antiquitätenhandel aufzuziehen mit Möbeln, die er auf Flohmärkten in England kaufen wollte. Von seiner ersten Erkundungstour kam er mit einem gebrauchten Rolls Royce zurück, den er in Knallrot umspritzen ließ. Der Kauf hatte zwar wenig gekostet, die Wartung war aber umso teurer. Wenigstens konnten sie das Auto von der Steuer absetzen, weil er es für Vertreterbesuche nutzte. Rudo, wie er sich nannte, wenn er sich für besonders unwiderstehlich hielt, war immer ein Kind geblieben. Deshalb konnte sie ihm nie lange böse sein.

(186) Ulrich Scharfenberg ging noch einmal für seinen Vater zur Apotheke.

Ulrich Scharfenberg ging noch einmal für seinen Vater zur Apotheke. Seit er ihm gesagt hatte, dass er wieder nach Hause fahre, redete sein Vater nicht mehr mit ihm. Um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern und gleichzeitig dem alten Herrn aus dem Weg zu gehen, hatte sich Ulrich das Arztrezept geschnappt. In der Jackentasche fühlte er das Zugticket neben dem Rezept.

Kurz bevor er in die Straße zur Apotheke einbiegen wollte, bemerkte er Rüdiger Heinemann. Ulrich blieb abrupt stehen und hielt sich hinter der Hausecke von Schaffraths Gemüseladen versteckt. ‚Heinemann – Schweinemann‘, ging es ihm durch den Kopf.

Rüdiger hatte fast die gesamte Schulzeit von Ulrich begleitet. Grundschule und Gymnasium. Anfangs waren sie befreundet gewesen. Rüdiger bekam von seinen Eltern jede Menge Spielzeug geschenkt, vor allem Lego. Damit verbrachten sie viel Zeit gemeinsam. Auch die Schulaufgaben machten sie zusammen. Rüdiger lernte von Ulrich, der in der Schule besser vorankam. Dafür durfte Ulrich Rüdigers Spielzeug mitnutzen, denn dabei war er zu Hause kurz gehalten. Auch im Gymnasium ging diese Art Symbiose einige Zeit weiter, das Spielzeug wurde durch Musik ersetzt. Rüdigers Taschengeld schien unermesslich. Der Musikgeschmack von Rüdiger änderte sich dann aber immer mehr und der Nervenkitzel etwas Unerlaubtes zu tun, wurde bei Ulrich überholt von einem Unwohlsein, das er dabei empfand. Rüdiger war auch nicht mehr daran interessiert, die Schulaufgaben zu verstehen. Ihm ging es nur noch darum, jemand zu haben, von dem er abschreiben konnte.

Schließlich sahen sie sich nur noch in der Schule und Ulrich ging Rüdiger immer mehr aus dem Weg. Rüdiger wurde Mitglied einer Band und gründete selbst eine andere. Die Punkmusik, die sie spielten, führte zu einem Skandal bei einem Schulfest, als der Direktor persönlich die Verstärkeranlage vom Strom nahm. Bereits vorher beschäftigte sich Rüdiger, der sich jetzt Rudo nannte, immer mehr mit Mädchen. Dabei war er überhaupt nicht wählerisch, er nahm, was er kriegen konnte. Sogar die dicke Otti. Damals hatte Ulrich ihn im Gespräch mit Klassenkameraden als Schweinemann bezeichnet. Rüdiger hatte es mitbekommen und sie hatten im Flur gerauft. Sie mussten beide nachsitzen und danach hatten sie nie wieder miteinander gesprochen.

Jetzt stand derselbe Rüdiger keine fünf Meter von Ulrich entfernt, lehnte an einen roten Rolls Royce und schleckte ein Eis. Es schien sein Wagen zu sein. Ulrich kehrte um. Es gab noch eine andere Apotheke, zu der er gehen konnte.