(164) Erleichtert stellte Christian fest, dass Nadia zuhause keine Terrarien hatte.

von Alain Fux

Erleichtert stellte Christian fest, dass Nadia zuhause keine Terrarien hatte. „Es gibt vielleicht ein paar Spinnen in den Ecken, aber nichts was mich wissenschaftlich interessiert. Es ist wichtig, Job und Freizeit zu trennen. Sonst würde ich auch hier die ganze Zeit den Viechern auf den Panzer schauen.“

Die Wohnung war sehr nüchtern eingerichtet. Eigentlich ähnelte sie sehr Christians eigener Wohnung. Außer, dass bei ihm kein Fahrrad im Flur stand. „Setz dich hin, schau fern, mach es dir bequem. Ich hau gerade mal ein Steak in die Pfanne und dann können wir essen. Magst Du schon mal ein Bier?“

Während Christian sein Bier trank und einen Dokumentarfilm über Paris anschaute, überlegte er sich, wie der Abend weiterverlaufen würde. Er war auf jeden Fall offen für alles. Kurz dachte er an Cindy, deren Massagegriffe er noch jetzt im Rücken spürte. Vielleicht könnte er sie ja auch mal treffen.

Während er überlegte, war seine Hand zwischen die Sitzkissen des Sofas gerutscht. Mit den Fingern ertastete er etwas und zog es heraus. Es war eine blaue rhombenförmige Pille mit der Aufschrift ‚VGR 100‘. Viagra. Verblüfft schaute er seinen unerwarteten Fund an. Was machte Nadia mit Viagra? Sie bestimmt nicht, aber Männer, die sie kannte. Alte Männer. Der Doktorvater, der ihr die Skorpione vermacht hatte. Sie hatte vielleicht ein Verhältnis mit ihm gehabt. Nadia stand wahrscheinlich auf alten Männern, die sich mit Viagra zum Sex dopen mussten. Er hatte keine Chance. Er legte die Pille auf den Tisch und verfolgte enttäuscht auf dem Fernsehschirm einen Abstieg in die Katakomben von Paris.

Dann kam Nadia und verkündete, die Steaks müssten noch etwas ziehen im Backofen, aber sie habe jetzt auch eine Flasche Bier geknackt. Als sie mit Christian anstoßen wollte, bemerkte sie die blaue Pille. „Brauchst du so was“, fragte sie interessiert. „Ich habe gehört, dass man das nicht mit Alkohol nehmen sollte.“ – „Nein, nein, die ist nicht von mir! Ich habe sie zufällig zwischen den Sofakissen gefunden.“ – „Oh, und jetzt machst du dir Gedanken. Ich kann dir versichern, ich bin immer noch eine Frau. Das Sofa habe ich noch nicht lange. Ich habe es gebraucht gekauft.“ Christian war erleichtert. Das war also die Lösung. „Vom wem hast du das Sofa denn abgekauft? Einem Kollegen?“ – „Nein, in der Uniklinik. Ich hatte einen Aushang gesehen.“ – „Welche Fachrichtung?“ – „Veterinärmedizin.“ Sie tranken jeder einen Schluck Bier. „Aber ich glaube, das war bestimmt anders, als wir jetzt denken.“

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