(162) Es ging jetzt besser.

von Alain Fux

Es ging jetzt besser. Christian Huller konnte durch das große Fenster der Autobahnraststätte immer noch das Auto sehen, aber jetzt trennte ihn eine sichere Entfernung von den 283 Skorpionen. Er konnte auch schon wieder Scherze machen und zeigte auf den älteren, manierierten Herrn mit den Rallye-Handschuhen. „Pekarileder“, bemerkte Nadia. Bei Tieren kannte sie sich aus. „Kommt von Nabelschweinen. Wir haben im Zoo eine ganze Rotte davon.“ Christian nickte. Ihm graute vor der Weiterfahrt und er versuchte den Moment hinauszuzögern.

Als er vor zwei Wochen Nadia Ahrens, seine Flamme aus Schultagen auf der Straße traf, war es wie eine Fügung. Sie war mittlerweile Biologin, arbeitete im Zoo. Eine Woche später bat sie ihn um Hilfe. Er sagte zu, bevor er wusste worum es ging. Zeit hatte er, denn er arbeitete als freiberuflicher Fremdenführer.

Nadias Doktorvater war gestorben und hatte ihr seine Tiere vermacht. Nadia brauchte jemand, der mit ihr zu ihrer Unistadt fuhr, um die Tiere abzuholen und quer durch das Land zu ihrem neuen Arbeitsplatz im Zoo zu fahren. Als er mitbekam, dass es sich um Skorpione handelte, hatte er schon zugesagt. Glücklicherweise waren die Tiere bereits in kleinen weißen Boxen verpackt, als sie ankamen.

Der Assistent des Verstorbenen gab Nadia eine Inventarliste. Sie war begeistert. Es musste sich um eine der größten Sammlungen von Skorpionen weltweit handeln. Lebende Skorpione, wohlgemerkt.

Als sie auf der Rückfahrt waren, war das Gekrabbel der Tiere in den Kunststoffboxen unerträglich gewesen. Christian stellte das Radio an, das aber nervte Nadia beim Fahren. Sie machten schließlich eine Pause in der Raststätte.

„Wie müssen jetzt weiter“, drängelte Nadia. Christian trank aus und folgte ihr zum Wagen. Er war jetzt dran mit Fahren. Er schwang sich auf den Fahrersitz und suchte nach dem Hebel, um den Sitz nach hinten zu schieben. Es knirschte dann und Nadia schrie „Vorsicht!“ Er hatte mit dem Sitz eine Box zerquetscht und darin lagen jetzt zwei tote Skorpione. „Du hast Glück“, sagte Nadia, „es waren nur Androctonus. Die sind zwar sehr giftig, aber es gibt sie häufig.“ – „Bist du sicher, dass nicht noch einer im Wagen frei herumläuft“, fragte er. Sie schaute auf die Bestandsliste: „Nein, Box 127, zwei Androctonus amoreuxi. Dank dir haben wir jetzt nur noch 281 insgesamt. Gut gemacht, Killer.“ Sie sagte es freundlich.

Wenigstens das, dachte er, als er sich wieder in den Wagen setzte und den Motor anließ. Vielleicht war die ganze Fahrt ein Test und sie würde ihn belohnen. Er hoffte es.

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