(160) Es war ein Samstag ganz nach Albert Lists Geschmack.

von Alain Fux

Es war ein Samstag ganz nach Albert Lists Geschmack. Seine Frau war auf dem Golfplatz und er hatte bis 16 Uhr freie Bahn. Danach musste er zu einer Veranstaltung, bei der die Sportler des Jahres ausgezeichnet wurden. Er war in der Jury. Vorher wollte er endlich seinen Garten erweitern. Von der Straße aus sah man wenig von dem Listschen Grundstück, denn es war von einer hohen Mauer umgeben. Dahinter gab es einen Rasen- und Poolteil, der gehörte seiner Frau. Und dann gab es auf der anderen Seite der Villa den Schrebergarten, sein Reich. List hatte seiner Frau einen Teil des Rasens abgehandelt. Sie hatte dafür ein Pferd bekommen.

Mit dem Spaten machte sich List an die Arbeit und grub den neuerworbenen Rasen um. Er brauchte einfach mehr Platz, um Kohl anzubauen. Mit dem Arbeiten wurde ihm heiß und er arbeitete mit nacktem Oberkörper weiter. Er genoss es, zu sehen, wie aus dem Rasenstück nach und nach ein Acker wurde.

Plötzlich stieß der Spaten auf Widerstand. Es klang metallisch. Er kniete sich auf die Erde und grub mit den Händen. Schnell zog er die Hand zurück, als er einen Teil eines rostigen Metallzylinders freigelegt hatte. List hielt den Atem an. Eine Fliegerbombe, schoss es ihm durch den Kopf.

Er rief die Feuerwehr, die Feuerwehr verständigte Polizei und Sprengstoffexperten des Landeskriminalamts. Innerhalb kurzer Zeit waren die Straßen des Villenviertels gesperrt. Überall Blaulichter. Jörn Lüders, der Sprengstoffexperte, schaute sich den Fund an und meinte, dass er nicht weiter arbeiten könne, bevor nicht im Umkreis von 300 Metern alle Häuser evakuiert seien. Es war keine Zeit zu verlieren. Eine Polizeihundertschaft informierte alle Anwohner. Es wurde eine Frist bis 14 Uhr gesetzt.

Ab Mittag setzte sich eine Kolonne von Geländewagen, Oberklasselimousinen und Sportwagen in Bewegung, um das Viertel zu verlassen. Das Angebot, in einer Schule Schutz zu finden, wurde nur von ein paar Dienstboten in Anspruch genommen, für die in den Autos kein Platz mehr gewesen war. Auch List war in dem Konvoi und sorgte sich um seine Kohlrabi, Kartoffeln und Karotten.

Gegen 15 Uhr war es still im Viertel. Alle Zufahrtsstraßen waren abgesperrt. Polizisten hatten an allen Haustüren geklingelt, um sicherzustellen, dass die Evakuierung vollständig war. Lüders und sein Assistent hatten Schutzkleidung angezogen und gingen mit ihrem Werkzeugkasten zu Lists neuem Acker. Der Einsatzleiter der Polizei hatte hinter einer mobilen Stahlschutzwand Zuflucht genommen und observierte den Vorgang durch einen schmalen Schlitz. Seine Kommentare sprach er in ein Sprechfunkgerät. Er sah wie Lüders aufstand und winkend auf ihn zukam. „Entwarnung. Alles in Ordnung“, rief er, als er seinen Schutzhelm abgenommen hatte. „Haben Sie die Bombe entschärft?“ – „Das war nicht nötig“, meinte Lüders, „es war nur ein großer Auspufftopf, wie von einem Jeep.“

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