(158) Der vollverspiegelte Aufzug hielt in der fünften Etage.

von Alain Fux

Der vollverspiegelte Aufzug hielt in der fünften Etage. Seidel stieg aus und suchte nach der Nummer 307, der Suite von Max Kops, mit dem er zum Frühstück verabredet war. Kops öffnete selbst und zeigte sein Pferdegebiss in der Mitte seines räudigen Vollbarts. Darüber eine große Brille und darüber fettiges Haar, das die Stirn fast völlig verdeckte. Kops roch nach einem aufdringlichen Parfüm, das Seidel sogar noch am Abend an seinen Händen wahrnahm. Sie setzten sich. Kops gab die Bestellung durch und lobte Seidels bisheriges Schaffen in größerem Detail, als dieser es erwartet hätte. Jemand hatte Kops‘ Hausaufgaben gemacht.

Dann kam das Frühstück und nach dem ersten Schluck Kaffee skizzierte Kops seine Vision für Menschen im Hotel. „Ich liebe Hotels! Hier kommt alles zusammen, die Kreuzung der Menschheit. Es ist so, als ob ich Vicki Baum schon immer kannte. Menschen im Hotel, ein grandioses Meisterwerk. Es muss natürlich aktualisiert werden. Aufgefrischt. Aber es ist alles da.“

Seidel erklärte, dass er das Buch sehr gut kenne und schon immer bewundert habe. Den Garbo-Film erwähnte er nicht, Kops könnte sich gekränkt fühlen. Er täuschte sich, denn Kops selbst fing an von dem Film zu schwärmen: „Und dann dieser fantastische Film von Goulding mit der Garbo. Aber wir brauchen heute ein anderes Grand Hotel. Und mit Ihnen zusammen, will ich es bauen.“

Seidel war gespannt, in welcher Rolle Kops ihn sah. Er erwartete die Rolle des hübschen, jungen Baron von Gaigern. Er war verblüfft, als Kops sagte: „Sie sind für mich der perfekte Dr. Otternschlag!“. Im Buch war Otternschlag ein alter, vom 1. Weltkrieg verunstalteter Arzt, morphiumsüchtig und ständig am Rande des Selbstmords. Kops erkannte Seidels Verstörung. „Oh, aber Sie dürfen das nicht mit dem Buch vergleichen. Meine ‚Menschen im Hotel‘ wird anders werden. Otternschlag hat am Anfang ein kleines Rauschgiftproblem durch seine traumatisierte Psyche. Aber er ist jung, schön und treibt den Plot voran. Eigentlich ist es ein Film über Otternschlag und andere Menschen im Hotel. Den Namen ändern wir wahrscheinlich auch. Zu Deutsch.“

Kops strahlte Seidel an, der mit geöffnetem Mund dasaß. „Was meinen Sie? Sind Sie dabei?“ Seidel nickte, viel enthusiastischer als er sich fühlte, aber viel weniger als es Kops erwartete. Das Frühstück war dann sehr schnell beendet. Kops sagte ihm, man würde ihn zum Vorsprechen einladen.

Seidel sagte, dass er sich sehr darauf freue. Sie gaben sich die Hand. Im Aufzug nach unten musste Seidel seine Stirn an die kühle Aufzugwand lehnen. Als er sich ansah, schien sein Abbild verschwommen hinter einem Fettfilm.

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