(157) Der Auftritt war schauspielerisch zwar nicht sonderlich fordernd gewesen…

von Alain Fux

Der Auftritt war schauspielerisch zwar nicht sonderlich fordernd gewesen, hatte ihn dennoch ermüdet. Raum für Improvisationen bestand nicht, es gab genaue Regeln, was er in seiner Rolle tun durfte. Aber dann war es vorbei und Seidel durfte endlich das Kostüm und vor allem den Helm ablegen.

Er saß gerade im Auto und wollte nach Hause fahren, als sein Mobiltelefon klingelte. Es war Rainer Martens, sein Agent. „Hast du dir das Drehbuch angeschaut? Ich finde, die Rolle passt sehr gut zu dir. Eine tolle Weiterentwicklung. Was meinst du?“ – „Ich habe gerade vier Stunden Darth Vader gespielt. Können wir ein anderes Mal darüber reden?“

Martens erklärte ihm, dass sich der Zeitplan der Produktionsgesellschaft geändert habe und er sofort eine Antwort brauchte. Seidel schaute über den Parkplatz auf dem die Leute kreuz und quer ihre prallvollen Einkaufswagen schoben. „OK, ich mach’s.“ – „Sehr schön“, antwortete Martens, als ob er nur eine rhetorische Frage gestellt hätte.

Kaum hatte Seidel aufgelegt, als das Telefon wieder klingelte. Albert List, ein Freund und Filmproduzent. Seidel berichtete von seinem Tag. List erzählte von seinem neuen Projekt. Ein Remake von ‚Menschen im Hotel‘ von Vicki Baum. „Du solltest dich mal mit dem Regisseur treffen. Max Kops, kennst du ihn? Toller Kerl. Frischt das Konzept auf. Die Castings laufen gerade. Sind alles Superrollen. Klasseprojekt.“ Nach dem Telefonat war Seidel in einem Dilemma. List war zwar ein Freund, aber eine Garantie gab es nicht. Auch bei der Serie war nicht sicher, ob es mehr als nur ein Pilot sein würde. Film schlug TV.

Er rief Rainer Martens an. Er erklärte ihm, dass ihm gerade am Telefon ein tolles Projekt angeboten wurde. Ob Martens nicht noch mit dem Rückruf an die TV-Produzenten warten könne? Nur ein Tag? „Sorry, das geht nicht. Ich stehe im Wort.“ Seidel atmete schwer ins Telefon. „Was ist das für ein anderes Projekt? Und warum erfahre ich nichts davon? Ich bin dein Agent! Ich sollte diese Gespräche führen!“ Seidel wollte verhindern, dass Martens List anrief und herunterputzte. Er wand sich hin und her.

„Olaf, ich habe mehr getan als ein Agent macht für seine Kunden, damit du diese Serienrolle bekommst. Es ist nicht Hollywood, aber es ist das beste Angebot deiner Karriere bisher. Aber bitte, du musst wissen was du tust. Was soll ich jetzt machen?“ Seidel schloss die Augen und sagte: „Wenn du sie nicht hinhalten kannst, dann sag bitte ab. Ich muss es riskieren.“ – Du bist ein Scheißkerl, Olaf Seidel“, antwortete ihm Martens und knallte den Hörer nieder.

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