(153) Alkohol hatte sie nie sonderlich interessiert.

von Alain Fux

Alkohol hatte sie nie sonderlich interessiert. Als sie aber aus der Bibliothek herauskam, hatte Nelly das Bedürfnis nach einem starken Drink. Der Typ aus dem Lesesaal hätte ihr bestimmt Gesellschaft geleistet, aber sie wollte alleine sein.

Sie beschloss auf dem Weg nach Hause eine Flasche Whisky zu kaufen. Vielleicht hatte es mit dem neugewonnenen Wissen zu tun, dass sie die Tochter von zwei Berufsverbrechern war. Vielleicht traten dadurch ihre wahren Anlagen zu Tage. Es war mittlerweile dunkel geworden und ein eisiger Wind zog durch die Straßen. Nur die farbige Leuchtreklame des Spirituosenhändlers wirkte wie ein warmer Traktorstrahl, der sie anzog. Der Laden war leer, bis auf den Kassierer, der ihr einen guten Abend wünschte. Es war angenehm in dem Laden. Still, nicht zu hell, sauber. Ein angenehmer Geruch von Verpackungsmaterial mit einer Kopfnote von Alkohol lag in der Luft. Unter den Füßen ein stabiler Holzboden, etwas abgewetzt von den vielen Kunden, die hier Hoffnung kauften. Es gab eine große Anzahl von Whiskys, die sich ihr anboten. Ihr Blick blieb an Jack Daniel’s Nr. 7 hängen. Sie nahm eine Flasche vom Regal.

Bevor sie ihre Gedanken weiterspinnen konnte, wurde die Ladentür aufgerissen und eine Stimme schrie: „Das ist ein Überfall, du Schweinehund. Mach die Kasse auf oder ich blas‘ dir den Schädel weg!“ Am Ende des Ganges sah Nelly zwei Männer mit Gewehren vor der Kasse. Der Kassierer hatte die Hände erhoben, senkte aber jetzt eine und drückte auf einen Knopf an der Kasse. Mit einem Ping öffnete sich die Kassenlade. Der bisher stumme Räuber beugte sich über den Tresen und räumte den Inhalt aus.

Nelly hatte keine Angst. Bisher hatte man sie im hinteren Teil des Ladens gar nicht bemerkt. Es war so, als ob sie unsichtbar wäre. Sie nahm eine zweite Flasche aus dem Regal. Dann schlich sie auf Zehenspitzen den Gang hinunter und hob eine der Flaschen, um sie dem ersten Räuber über den Kopf zu schlagen. Der Blick des Kassierers musste sie aber verraten haben, denn der Räuber drehte sich unversehens um, sah sie und stieß ihr den Gewehrkolben ins Gesicht. Die beiden Flaschen Jack Daniel’s fielen ihr aus der Hand und polterten auf den Boden, ohne zu zerbrechen. Drei Augenpaare sahen sie an. Es war wie in Zeitlupe. Sie lächelte. Bevor es Nelly komplett schwarz vor den Augen wurde, dachte sie erleichtert, dass sie doch kein kriminelles Blut in den Adern hatte. Sie würde weder einen Überfall ausführen, noch ihn verhindern können. Sie war bloß ein Opfer.

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