(152) Nelly Bray schleppte die Bände mit den März 1964-Ausgaben der The Shepperton Post…

von Alain Fux

Nelly Bray schleppte die Bände mit den März 1964-Ausgaben der The Shepperton Post zu ihrem Platz im Lesesaal. Soweit sie zurückdenken konnte, wusste sie, dass sie ein Adoptionskind war. Allerdings hatten ihre Eltern gesagt, dass sie nicht wüssten, wer ihre wahren Eltern seien.

Als Nelly vor kurzem nach Unterlagen suchte, um das Antragsformular für die Universität auszufüllen, war ihr ein Zettel in die Hand gefallen. ‚Nelly Daniel 3 Wochen alt. Mutter: Ginny Daniel‘. Sie erkannte die Handschrift ihrer Mutter. Bevor sie mit ihr darüber reden wollte, brauchte sie mehr Informationen. In der Kartei der Bibliothek hatte sie den Namen ‚Daniel, Ginny‘ gefunden.

Am Rand einer der letzten Seiten einer Freitagausgabe fand sie den Artikel, den sie suchte: ‚Mord an Betrügerin – Rache eines Opfers? – Die Polizei untersucht den mysteriösen Mord an einer vorbestraften Betrügerin, Ginny Daniel. Daniel wurde am Dienstag erwürgt in einem Hotelzimmer der Innenstadt gefunden. Von dem Täter fehlt bisher jede Spur. Daniel war vorbestraft, weil sie verheiratete Männer erpresste, mit denen sie mit dieser Absicht ein Verhältnis begonnen hatte. Davor war sie die Lebensgefährtin von Otto Henry, dem Gewaltverbrecher, der vor zwei Jahren bei einem Überfall erschossen worden war. Daniel soll bei diesem missglückten Raub, bei dem drei unschuldige Passanten ums Leben kamen, beteiligt gewesen sein. Allerdings war ihr damals nichts nachzuweisen gewesen. Eine Tochter aus ihrer Beziehung mit Henry war nach dem Tod des Vaters verschwunden. Die Polizei bittet…‘ Nelly saß längere Zeit wie versteinert auf ihrem Stuhl.

Ihr gegenüber saß ein Mann mit hoher Stirn und zu langen dunklen Haaren. Auch er las in alten Zeitungen, schien sich aber immer nur auf Autounfälle zu konzentrieren. Dabei schrieb er Notizen in ein Heft. Irgendwann schaute er zu Nelly hoch und sah, wie starr und bleich sie aussah. „Geht es Ihnen nicht gut, Fräulein?“, fragte er besorgt. „Kann ich Ihnen ein Glas Wasser holen?“ Sie nickte. Als sie getrunken hatte, dankte sie ihm. „Glauben Sie, dass ein Hang zur Gewalt erblich ist?“, fragte sie ihn. Er überlegte. „Ich glaube, es ist alles in uns enthalten. Ob es zum Erblühen kommt oder nicht, hängt von den Umständen ab. Aber prinzipiell ist alles möglich.“ Sie trank noch einen Schluck und fing sich langsam wieder. „Sie interessieren sich für Autounfälle?“ Er folgte ihrem Blick auf die aufgeschlagenen Zeitungsseiten an seinem Platz. „Ich interessiere mich für den Einfluss von Technik auf die menschliche Psyche.“ Unwillkürlich musste sie lachen und meinte: „Das klingt wie eine Kugel in den Kopf.“

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