(151) James Graham Ballard zog das Blatt Papier aus der Schreibmaschine, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb.

von Alain Fux

James Graham Ballard zog das Blatt Papier aus der Schreibmaschine, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb. Natürlich hatten Autos etwas Erotisches. Aber zu zeigen, wie jemand seinen Schwanz in das Auspuffrohr eines Autos stopfte, das war noch eine andere Sache. Sex im Auto war auch schon abgedroschen. Natürlich fickten die Menschen in Autos. Warum sollten sie auch sonst in abgestellten Fahrzeugen sitzen?

Ballard starrte an die Wand. Was auch immer er über die Erotik von Autos sagen wollte, niemand konnte ihm etwas vorschreiben. Es war seine Welt und er schuf die Regeln. Aber jetzt war er blockiert. Er nahm die Tageszeitung und breitete sie vor sich aus. Schnell blätterte er die Auslandsmeldungen durch (Neue Regierung in Jordanien, Drogentod von Jimi Hendrix).

Auf der Seite mit den Regionalnachrichten war die große Schlagzeile: ‚Tot in der Unterführung‘. Eine junge Frau hatte mit ihrem Freund eine Tanzveranstaltung besucht. Auf dem Rückfahrt irrte sich ihr Freund und er fuhr auf der falschen Seite in eine Unterführung hinein. Ein Wagen kam ihnen entgegen, sie stießen frontal zusammen. Die junge Frau saß nicht angeschnallt auf dem Beifahrersitz und wurde durch die Wucht des Aufpralls durch die Windschutzscheibe auf die Straße katapultiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Was Ballard an der Geschichte besonders fesselte war das große Foto zwischen der Schlagzeile und dem Text. Im Hintergrund saß man die beiden Wagen, deren Motorraum völlig eingedrückt war und deshalb an Boxerhunde erinnerte. Bei einem der Wagen waren sogar die Vorderräder nach hinten versetzt worden. Dazwischen lagen weit verstreut Wrackteile. Die Szenerie war von den Scheinwerfern der Rettungskräfte taghell ausgeleuchtet.

Im Vordergrund lag eine Decke, unter der sich eine menschliche Form abzeichnete. Unter der Decke lag ein graziler Frauenarm nach vorne gestreckt. Die Finger waren in einer Stellung, mit der man sonst andere Menschen zu sich her bittet. Die Hand sah unversehrt aus. Unter der Decke musste es aber erhebliche Wunden geben, denn sie war dunkel verfärbt. Bei dem Opfer konnte man auch durch die Schatten klar ihren Busen und ihre Taille ausmachen. Allerdings schien der ungewöhnliche Winkel ihrer Beine einen Eindruck auf die rohe Gewalt zu geben, die der Tote vor ihrem Ableben zugesetzt hatte.

Ballard war vom Anblick des Opfers fasziniert. Autounfälle. Vielleicht gab es hier etwas zu tun. Er nahm sich vor, noch am gleichen Tag in die Bibliothek zu gehen, um dort mehr über die Verletzungen von Opfern automobiler Gewalt zu recherchieren.

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