(148) Manchmal wünschte sich Sebastian Oberhuber, dass es tatsächlich erlaubt sei, in Flagranti erwischte Räuber einfach abzuknallen.

von Alain Fux

Manchmal wünschte sich Sebastian Oberhuber, dass es tatsächlich erlaubt sei, in Flagranti erwischte Räuber einfach abzuknallen. Am besten noch, ohne dass man darüber ellenlange Berichte verfassen müsste. Aber was dieser Knallkopf eben von ihm verlangt hatte, das war nicht möglich.

Oberhuber kehrte zu seinen Gedanken zurück. Vor einem Schaufenster blieb er stehen und betrachtete sich. Trotz des Schnurbarts sah er einfach nicht wie eine Autoritätsperson aus. Er hatte schmale Schultern, dünne Arme und seine Brust schien eher nach innen gewölbt als nach außen. Kein Wunder, dass Frauen ihn gar nicht wahrzunehmen schienen. Schon öfters hatte er es eingerichtet, dass er einer der Kolleginnen, die er besonders scharf fand, um die Mittagszeit wie zufällig über den Weg lief. Falls es auch nur das geringste Interesse an ihm gab, wäre es völlig normal gewesen, ihn zu fragen, ob er mit in die Kantine gehen wollte. Aber außer einem willkürlichen Hallo war nie etwas passiert.

Beim Streifendienst war in seinem derzeitigen Revier keine Frau eingeteilt. Aktiv würde sich an ihn auch keine Frau erinnern. Aber auch gestützt wäre sein Bekanntheitsgrad äußerst gering. Ein wenig Ermunterung hätte ihm den ersten Schritt einfacher gemacht, aber für Frauen schien er einfach nicht zu existieren.

Oberhuber ging weiter und kam an einem Fitnessstudio vorbei. Im Aushang sah er Fotos von den Geräten und den Trainingsräumen. Daneben auch ein paar Vorher-Nachher-Fotos auf denen sich quallenförmige Fettwänste in wohlgeformte Muskelprotze verwandelten.

Oberhubers Ausgangslage war natürlich sehr viel günstiger und es war auch nicht sein Ziel, Mr. Universum zu werden. Er wollte nur an den entscheidenden Stellen etwas Muskelpolsterung aufbauen. Die Chancen standen nicht schlecht, dass er mit etwas Disziplin seinem Körper eine bessere Form geben konnte. Er müsste sich genauer erkundigen. In Uniform konnte er nicht hineingehen, aber nach Dienstschluss würde er mal vorbei schauen. Bis dahin wollte er auch im Polizeicomputer nachschauen, ob irgendetwas gegen den Laden vorlag. Bei einigen Fitnessstudios verkehrte viel Halbweltgesindel, da wäre es für ihn sehr schlecht, dort angetroffen zu werden.

Wenn er erst einmal einen ansehnlichen Körper haben würde, wäre ein Tattoo auch nicht schlecht. Während er weiter längs des Bahnhofs in Richtung Revier zurückging, malte er sich aus, welches Motiv er wählen würde. Etwas Geschmackvolles für die Ewigkeit. Vielleicht ‚Sebastian‘ an der Stelle auf der Brust, wo er jetzt außen das Schild mit ‚Oberhuber‘ trug. So nach dem Motto: wer bis dahin gekommen ist, der darf auch Sebastian zu Herrn Oberhuber sagen. Das gefiel ihm und er lächelte einer Prostituierten zu, die ihn aus stumpfen Augenhöhlen ansah.

Advertisements