(147) Bevor er zu Bett gegangen war, hatte Herr Mayer seine schöne blaue Uniformjacke mit den Goldknöpfen noch über den Stuhl gehängt.

von Alain Fux

Bevor er zu Bett gegangen war, hatte Herr Mayer seine schöne blaue Uniformjacke mit den Goldknöpfen noch über den Stuhl gehängt. Als er aufwachte, war sie weg. Genauso wie seine goldbetressten Uniformhosen und sein Tschako mit dem roten Wollpompon. Er war auch nicht in seinem Himmelbett im Palast, sondern in einem seltsam kahlen Raum. Nur seine Aktenmappe stand noch da, allerdings war sie leer. Er zog an, was er finden konnte: ein leichenblasses Hemd und ein schmuckloser grauer Anzug. Er verließ das Zimmer und fand sich in einem langen Gang mit vielen weiteren Türen wieder. Am Ende eine Treppe, der er nach unten folgte. Schnell lief er aus dem Haus.

Erst draußen gab es andere Menschen. Auch sie trugen langweilige Kleidungsstücke in gedeckten Farben. Lustlos schlichen sie die Straße entlang. Was war geschehen? Wo war Prinzessin Yasmina? Herr Mayer fand sich nicht zurecht. Es gab nur eine Möglichkeit, die diese große Veränderung erklären konnte: er oder vielleicht sogar die ganze Welt war von der bösen Hexe verzaubert worden. Nur Prinzessin Yasmina konnte ihn von diesem Fluch befreien. Er musste sie finden.

Herr Mayer ging die Straße hinunter. An den Hauswänden standen Frauen, die ihn seltsam fordernd anschauten. Sie waren arme Kreaturen, die sich nicht einmal ausreichend Kleidung leisten konnten. So waren sie dazu verdammt in halbentblößtem Zustand auf der Straße zu stehen. Dazwischen saßen auch ein paar Männer auf dem schmutzigen Bürgersteig und hielten die Hand offen. Herr Mayer machte einen weiten Bogen um sie, denn sie hatten bestimmt Lepra.

An einer Kreuzung überlegte er, in welche Richtung er gehen sollte. Die zwei neuen Möglichkeiten sahen aber nicht anders aus, als das was er bisher gesehen hatte. Nachdem er ein paar Mal auf der Kreuzung im Kreis gegangen war, um neue Perspektiven zu gewinnen, hatte er komplett die Orientierung verloren und wusste nicht mehr, woher er gekommen war.

Zwei Männer kamen ihm entgegen. Er fragte, wie er zum Schloss gelangen könnte. Ein Mann befragte ihn, welches Schloss er denn meine. Während er erklärte, verspürte Herr Mayer, dass jemand seine Aktentasche unter seinem Arm hervorzog. Es war der andere Mann. Die beiden liefen davon und hielten triumphierend die Tasche in die Höhe. Herr Mayer schrie, laut und ausdauernd. Endlich kam ein Polizist auf ihn zu. Herr Mayer erklärte, was ihm gerade geschehen war. Er zeigte dem Polizisten mit dem Finger die beiden Räuber, die man von weitem immer noch sehen konnte. „Erschießen Sie die beiden Räuber!“, forderte er den Polizisten auf. Doch dieser zuckte nur mit den Achseln und ging weiter.

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