(144) Als Marita ihn vom Bahnhof abholte, hatte sie Jaap schon angekündigt…

von Alain Fux

Als Marita ihn vom Bahnhof abholte, hatte sie Jaap schon angekündigt, dass es momentan mit ihrer Schwiegermutter etwas schwierig sei. Jetzt saß er im Wohnzimmer quasi im Niemandsland zwischen den Schusslinien. An seiner rechten Seite stand Marita am Bügelbrett und legte die Wäsche zusammen, die sie aus dem Trockner genommen hatte. An seiner linken Seite saß Ilona am Tisch und tat so, als ob sie Zeitung lese. In Wirklichkeit aber schmollte Ilona. Ihr Schmollen hatte sich wie Montageschaum im Zimmer ausgedehnt und war am Verhärten. Jaap wollte etwas sagen, ihm fiel aber nichts ein. Marita versuchte, die Situation nicht wahr zu haben und warf ab und zu Sätze in den Raum, wie „Morgen gehen wir mal in den Zoo.“ oder „Es wird bestimmt auch wieder aufhören zu regnen.“

Ein kurzer Austausch führte dann zur Explosion. Marita sagte: „Erinnert mich daran, dass ich morgen beim Konditor den Geburtstagskuchen für Jessica abhole.“ Ilona entgegnete: „Ich wollte den Kuchen ja backen, aber du wolltest nicht.“ Marita antwortete: „Es war einfacher so.“ Ilona: „Du respektierst nie, was ich mache. Ich bin hier das fünfte Rad am Wagen.“ Marita: „Das stimmt doch nicht. Ich weiß gar nicht, was du dir vorstellst. Es kann doch nicht jeder sein Leben verändern, weil du hier bist.“ Ilona: „Ich sehe doch was hier läuft. Seit ich hier bin, fühlst du dich attackiert.“ Marita: „Kein Wunder. Du sitzt die ganze Zeit in deiner Ecke und beobachtest mich. Wie eine Spinne!“

Jaap schlich sich aus dem Zimmer. Schon jetzt dröhnten seine Ohren. Er stellte sich Marita und Ilona beim Catchen im Ring vor. Das wäre spektakulär.

Jaap klopfte leise an Jessicas Tür und schaute hinein. Sie lachte, als sie ihn sah. „Na, streiten die beiden sich oft?“ – „Ja, leider. Solange Omi mit Mami in einem Zimmer ist, bleibe ich hier. Nur beim Essen muss ich dabei sein.“ Jaap setzte sich zu ihr auf den Boden. „Sag mal, Onkel Jaap, was arbeitest du eigentlich?“ Jaap überlegte, was er ihr antworten konnte. Die Frage war bisher nie ein Thema gewesen, weil alle ihn für einen Totalversager hielten und sich nicht vorstellen konnten, dass er einer geregelten Tätigkeit nachging. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Schlammcatchen war kein besonders reizvoller Beruf.

„Ich bin Arzt“, antwortete er. „Wirklich? Aber warum sagen alle, dass du ein Versager bist? Das ist doch ganz toll. Du bist dann mein Onkel Doktor!“ Sie kicherte. „Weißt du, Jessica… Es stimmt nicht. Einmal, vor langer Zeit, wollte ich Arzt werden. Aber es ging nicht. Soll ich dir mal erzählen, warum ich Arzt werden wollte?“

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