(142) Realistischerweise ging ihre Geschäftsbeziehung mit Herrn Lehmann zu Ende.

von Alain Fux

Realistischerweise ging ihre Geschäftsbeziehung mit Herrn Lehmann zu Ende. Josie brauchte Ersatz. Beim Hinausgehen schaute sie auf ihre Uhr und beschloss, ein Spontanscouting zu machen. Ein Freund hatte ihr einen Schlammcatcher empfohlen, eine echte Type mit großem Unterhaltungswert, der nur auf seine Entdeckung wartete. Eigentlich hatte sie vorgehabt mit Basel essen zu gehen, aber das konnte sie sich auch sparen.

Schlammcatchen? Warum nicht, sie hatte nichts Besseres vor. Die Veranstaltung fand im Keller eines Abrisshauses statt, war illegal und eigentlich nur ein Sideact der Dance-Veranstaltung in den anderen Stockwerken. Sie zahlte Eintritt und folgte handgeschriebenen ‚Catch as catch can‘-Schildern die Treppe hinab in den Keller. Die anderen Zuschauer waren allesamt jüngere Leute. Getränke verkaufte jemand aus einer alten, mit Eis gefüllten Badewanne am Fuß der Treppe. In einem großen Raum war ein niedriges, aufblasbares Schwimmbecken aufgestellt, das wadenhoch mit einem gelbbräunlichen, unappetitlich aussehenden Schleim gefüllt war. Es roch muffig-erdig im Keller. Scheinwerfer standen auf Dreibeinen um das Becken herum und tauchten es in gleißendes Licht.

Josie kam gerade zum finalen Kampf des Abends und sie hatte Glück, denn Sam Petersen, genannt ‚Yosemite Sam‘, kam nach der Ansage eines fetten Armeeparkaträgers wie ein Gummiball in den Raum gehüpft. Petersen war erstaunlich fit für seine 61 Jahre. Er trug einen roten Einteiler, der bereits aus den Ausscheidungskämpfen eine Schlammkruste aufwies. Der Catcher war etwas korpulent und seine Rundungen wurden unvorteilhaft von seinem Outfit hervorgestrichen. Auf seinem Kopf saß eine Baseballmütze und darunter trug er einen mit getrocknetem Lehm zersetzten struppigen Vollbart. Hinter ihm kam Rudi Rost, sein Gegner, in grün und mit Glatze.

Josie wurde von den Zuschauern hinter ihr ganz nahe an den Beckenrand geschoben. Aus einem Ghettoblaster ertönte ein Gong und beide Kämpfer sprangen in den Schlamm. Am Anfang konnten sie sich noch gut gegenseitig festhalten. Das wurde aber immer schwieriger. Einen Schiedsrichter gab es nicht, wohl auch weil es keine Regeln gab. Sam hielt sich an Rost fest, dessen Einteiler einriss und seinen Oberkörper freigab. Das schien Rost zu behindern, denn mit ein paar schnellen Handgriffen riss er sich das Kleidungsstück unter dem Johlen der Menge vom Leib und stand erst einmal rosig nackt da in seiner Massigkeit.

Dann hatte Sam ihn auch schon umgestoßen. Er nahm einen Anlauf und flog im Bogen auf Rost zu. Der Glatzkopf konnte sich knapp zur Seite retten, so dass Sam mit einem Bauchklatscher landete. Ein Schlammtsunami brach sich an den Beckenrändern und spritzte bis in die Gesichter der Zuschauer in den ersten Reihen. Josie war vorne von oben bis zu den Knien mit dem kackfarbenen Schlamm bespritzt. Sie japste, schloss aber schnell den Mund, als sie merkte, dass der Schlamm ihr in den Mund lief. ‚Meta-Schlammcatchen‘, dachte sie. ‚Warum nicht Meta-Schlammcatchen?‘ Sie wandte sich ab und ging. Sam Petersens Entdeckung würde weiter auf sich warten lassen.

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