(139) Aber ich werde Sie jetzt nicht länger langweilen, meine sehr verehrten Damen und Herren.

von Alain Fux

„Aber ich werde Sie jetzt nicht länger langweilen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Denn hier kommt er schon, der unglaubliche, der wunderbare Herr Lehmann! Applaus, meine sehr verehrten Damen und Herren!“

Herr Lehmann trat vor den Vorhang und schaute während des Applauses ungerührt ins Publikum. Er trug einen grau karierten Wollmantel, einen Hut und Lederhandschuhe. Die Handschuhe zog er aus, nahm den Hut ab und legte die Handschuhe hinein. Er stellte den Hut auf die Erde und zog den Mantel aus. Darunter trug er einen Anzug aus dem gleichen Stoff wie der Mantel. Das Publikum lachte. Herr Lehmann wartete, bis es wieder ruhiger war und setzte mit einer weichen, monotonen Stimme an.

„Letzten Sonntag hatte ich mit meiner Frau ein ernstes Gespräch. Ich schwieg mit ernstem Gesicht, während sie mit mir schimpfte. Ich hatte nämlich unseren Hochzeitstag vergessen. Nicht absichtlich, denn wie sagte der große Petrarca: ‚ Keine Wunde ist in mir so vernarbt, dass ich sie ganz vergessen könnte.‘ Später habe ich dann noch ein paar Blumen für sie gefunden. Bei unserem Nachbarn im Garten.

Gefreut habe ich mich übrigens, als meine Frau mich ins Restaurant einlud. Allerdings musste ich die Freude mit meiner Schwiegermutter teilen, denn sie war auch dabei. Zahlen musste ich aber alleine, da wollte sie nicht mit mir teilen. Der Ober fragte mich mit Anteilnahme, ob die gnädige Frau auch bei uns wohnte. Das nicht, antwortete ich ihm, aber sie wird mir heute Abend ganz bestimmt noch heimleuchten.

Es war aber ein trauriger Abend für meine Schwiegermutter. Wir saßen neben der Kapelle und deshalb konnte ich nur die Hälfte ihrer Schmähungen hören. Die andere Hälfte schrieb sie mir zur Sicherheit auf Zettel und warf sie mir zu. Der Kellner sammelte aus Versehen einen der Zettel ein und brachte dem Nebentisch einen feuchten Waschlappen. Er hatte den Inhalt des Zettels für eine Bestellung gehalten.

Aber jetzt mal im Ernst: der Abend ging auch wieder vorbei. Plötzlich war es Mitternacht und die Schwiegermutter saß jetzt bei uns zuhause auf dem Sofa. Ich sagte: ‚Ich weiß nicht, wie Ihr das aushaltet, aber ich muss jetzt schlafen gehen‘. Darauf meine Frau: ‚Es ist beachtlich, wie du die gleiche Aktivität an so vielen Orten nacheinander und ununterbrochen fortsetzen kannst.“

Das Publikum lachte stärker. „Ja, Sie lachen. Ich hätte auch gerne gelacht. Aber dann wäre ich aufgewacht und wäre der harten Realität in die Faust gelaufen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren. Sie waren ein bezauberndes Publikum!“ Herr Lehmann verbeugte sich, las Hut und Mantel auf und verschwand hinter dem Vorhang.

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