(138) Sehr geehrter Herr Walker, vielen Dank für Ihr Interesse…

von Alain Fux

„Sehr geehrter Herr Walker,

vielen Dank für Ihr Interesse an der von uns angebotenen Banknote Notausgabe 1945 Schörner 50 RM (Ro. 181). Sie haben schon verstanden, dass wir ein Münz- und Banknotenhandel sind, oder? Das heißt, wir kaufen und verkaufen Münzen und Banknoten. Ihre Anfrage, von der Ro. 181 ein detailliertes Foto zu erhalten, hat uns verwirrt. Wenn Sie ein Bild der Banknote besitzen wollen, dann müssen Sie die Banknote kaufen! In den 59 Jahren unseres Bestehens haben wir noch nie Detailaufnahmen unserer Waren irgendjemandem zur Verfügung gestellt. Auch hochgestellte Persönlichkeiten und Sammler gehen bei uns ein und aus. Auch diese Herrschaften kaufen und wollen nicht Fotos haben. Wir bitten um Ihr Verständnis. Hochachtungsvoll, Ingeborg Kaplan geb. Mehring, Münzen Mehring.“

Horst stand ausgehbereit in der Tür und hatte ihren Mantel über dem Arm drapiert. „Ich komm‘ ja schon“, rief sie ihm zu und schob den Brief in den frankierten Umschlag. „Hetz‘ mich nicht. Wir verpassen doch nichts am Anfang. Dieser Ansager ist unglaublich langweilig. Du könntest ja auch mal die Korrespondenz erledigen“, herrschte sie ihn an. „Du kannst das besser“, antwortete er unterwürfig und half ihr in den Mantel.

Auf dem Weg zum Theater gab sie ihm die Anweisungen für den folgenden Tag. Es gab ein halbes Dutzend Kataloganfragen und mindestens zehn Bestellungen, die bearbeitet werden mussten. Außerdem hatte sie in den letzten Tagen siebzehn Neuerwerbungen (das meiste davon Inflationsgeld) akquiriert, die noch in die Datenbank aufgenommen werden mussten. Er trottete neben ihr her und merkte sich die Aufgaben.

Eigentlich hatte er Glück mit Ingeborg. Er kannte keine Frau, die so zielstrebig und so gut organisiert war. Ihre Kenntnisse von Münzen und Banknoten hatte sie von ihrem Vater mitbekommen. Es war schon enorm. Als ihr Vater sich zur Ruhe setzte, schenkte er ihr den Laden und Horst konnte dann in Vollzeit einsteigen. Sie war zwar etwas temperamentvoll, aber insgesamt hatte er eine gute Partie gemacht.

Der Höhepunkt seiner Woche war ihr gemeinsamer Besuch bei einer Kleinkunstbühne, jeden Sonntagabend. Dort wurde meistens ein recht gutes Varieté-Programm angeboten. Manchmal gab es Zauberer, Jongleure oder Sänger. Ingeborg gönnte sich ein Viertel Moselwein und Horst trank zwei Bier. Dann gingen sie wieder nach Hause. Meistens, wenn es Ingeborg danach war, schliefen sie zuhause miteinander.

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