(134) Bevor Kati Wendel ihren späteren Ehemann kennen lernte…

von Alain Fux

Bevor Kati Wendel ihren späteren Ehemann kennen lernte, war ihr Leben von Sorgen geprägt. Alles, womit sie konfrontiert wurde, machte ihr Angst. Sie war gelähmt in ihrer Furcht vor Krieg, Umweltzerstörung und unkontrollierter Einwanderung. Zu schaffen machte ihr einerseits die strikte Hausverwaltung, die sich um das Gebäude kümmerte, in dem sie wohnte. Andererseits fühlte sie sich angegriffen, wenn eine aufgeplatzte Mülltüte aus dem Müllcontainer heraushing und sich keiner darum kümmerte. Ein Hundehaufen auf dem Bürgersteig konnte ihr den Tag vergällen. Jede Bemerkung und jeder Blick der Kollegen deutete sie als Mobbing – sie fühlte sich beobachtet, bewertet und abgelehnt. Jeden Tag erwartete sie die Kündigung. Essen verursachte ihr Ekel, weil sie sich vorstellte unter welchen barbarischen Umständen die Bestandteile zusammen gekommen waren. Nachts hatte sie Schlafstörungen, weil der geringste Lärm sie vom Schlafen abhielt. War es ruhig, hatte sie Angst davor, dass es jederzeit laut werden konnte. An Sonntagen unternahm sie lange einsame Spaziergänge entlang der Klippen und bei einem dieser Ausflüge beschloss sie, sich umbringen.

Genau an jenem Tag traf sie Wendel zum ersten Mal. Er war ebenfalls alleine dort, um den Standort für ein neues Hotel anzusehen. Zunächst wollte sie warten, bis er wieder weg war. Dann fing es heftig an zu regnen. Beide waren im Nu durchnässt. Er nahm sie mit in sein Auto, zu dem sie gemeinsam durch den starken Regen liefen.

Sie fror und er drehte die Heizung auf Höchstleistung. Die Feuchtigkeit aus ihren Kleidern und ihren Haaren verdampfte, vermischte sich und schlug sich an den Fenstern nieder. Draußen versank die Welt in einem milchig-diffusen Licht, während die Tropfen hypnotisch auf das Autodach prasselten. In Gegenwart von Karlludwig Wendel war es ihr plötzlich so, als ob sich ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt hätte. Sie hatte keine Angst mehr. Alle Sorgen fielen von ihr ab und wurden durch eine friedliche Gleichgültigkeit abgelöst. Es war, als ob sie den Selbstmord vollzogen hätte und Wendels Auto ihre Wolke im Himmel des Jenseits sei.

Sie hatte sich Wendel im Auto hingegeben, noch bevor sie seinen Namen kannte. Es war ein Neubeginn, der sich dort in einem Geländewagen am Rande der Klippen während eines Wolkenbruchs vollzog.

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