Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juli, 2016

(164) Erleichtert stellte Christian fest, dass Nadia zuhause keine Terrarien hatte.

Erleichtert stellte Christian fest, dass Nadia zuhause keine Terrarien hatte. „Es gibt vielleicht ein paar Spinnen in den Ecken, aber nichts was mich wissenschaftlich interessiert. Es ist wichtig, Job und Freizeit zu trennen. Sonst würde ich auch hier die ganze Zeit den Viechern auf den Panzer schauen.“

Die Wohnung war sehr nüchtern eingerichtet. Eigentlich ähnelte sie sehr Christians eigener Wohnung. Außer, dass bei ihm kein Fahrrad im Flur stand. „Setz dich hin, schau fern, mach es dir bequem. Ich hau gerade mal ein Steak in die Pfanne und dann können wir essen. Magst Du schon mal ein Bier?“

Während Christian sein Bier trank und einen Dokumentarfilm über Paris anschaute, überlegte er sich, wie der Abend weiterverlaufen würde. Er war auf jeden Fall offen für alles. Kurz dachte er an Cindy, deren Massagegriffe er noch jetzt im Rücken spürte. Vielleicht könnte er sie ja auch mal treffen.

Während er überlegte, war seine Hand zwischen die Sitzkissen des Sofas gerutscht. Mit den Fingern ertastete er etwas und zog es heraus. Es war eine blaue rhombenförmige Pille mit der Aufschrift ‚VGR 100‘. Viagra. Verblüfft schaute er seinen unerwarteten Fund an. Was machte Nadia mit Viagra? Sie bestimmt nicht, aber Männer, die sie kannte. Alte Männer. Der Doktorvater, der ihr die Skorpione vermacht hatte. Sie hatte vielleicht ein Verhältnis mit ihm gehabt. Nadia stand wahrscheinlich auf alten Männern, die sich mit Viagra zum Sex dopen mussten. Er hatte keine Chance. Er legte die Pille auf den Tisch und verfolgte enttäuscht auf dem Fernsehschirm einen Abstieg in die Katakomben von Paris.

Dann kam Nadia und verkündete, die Steaks müssten noch etwas ziehen im Backofen, aber sie habe jetzt auch eine Flasche Bier geknackt. Als sie mit Christian anstoßen wollte, bemerkte sie die blaue Pille. „Brauchst du so was“, fragte sie interessiert. „Ich habe gehört, dass man das nicht mit Alkohol nehmen sollte.“ – „Nein, nein, die ist nicht von mir! Ich habe sie zufällig zwischen den Sofakissen gefunden.“ – „Oh, und jetzt machst du dir Gedanken. Ich kann dir versichern, ich bin immer noch eine Frau. Das Sofa habe ich noch nicht lange. Ich habe es gebraucht gekauft.“ Christian war erleichtert. Das war also die Lösung. „Vom wem hast du das Sofa denn abgekauft? Einem Kollegen?“ – „Nein, in der Uniklinik. Ich hatte einen Aushang gesehen.“ – „Welche Fachrichtung?“ – „Veterinärmedizin.“ Sie tranken jeder einen Schluck Bier. „Aber ich glaube, das war bestimmt anders, als wir jetzt denken.“

(163) Im Zoo konnten sie quasi durch den Lieferanteneingang einfahren.

Im Zoo konnten sie quasi durch den Lieferanteneingang einfahren. Christian setzte den Wagen rückwärts an das Haus heran, in dem Nadia ihren Arbeitsplatz hatte. Eine Kollegin half Nadia beim Entladen. Weil Christian keine besondere Lust verspürte, das Gekrabbel noch länger anzuhören, sagte er Nadia, dass er sich etwas im Zoo umschauen wollte.

Er ging zuerst zum Elefantenhaus und schauten den Tieren zu, wie sie im Gehege rumstanden und ihre Rüssel pendeln ließen. Die Löwen lagen träge in der Sonne und dösten. Auch die Giraffen standen nur kauend rum. Es war zwar friedlich, aber auch langweilig. Christian suchte nach den Nabelschweinen. Als er ihr Gehege gefunden hatte, schien es leer.

Er folgte dann dem Schild ‚Menschenaffen‘. Im Außengehege vor dem Haus war eine Tierpflegerin mit einem Orang-Utan zugange. Das Tier lag mit dem Bauch auf einer Holzbank und die Pflegerin massierte ihm den Rücken. Ganz so, wie Christian es bei Menschen gesehen hatte.

Der Orang-Utan schien die Behandlung zu genießen. Mit offenem Mund lag er da, eine Hand hing locker herunter und zupfte an Grashalmen. Christian stellte sich an den Wassergraben und schaute zu. Die Pflegerin blickte auf und lächelte ihn an. „Scheint ihm Spaß zu machen“, rief Christian. „Ja. Aber er ist eine sie und sie heißt Nonja“, rief die Pflegerin zurück. „Wie wäre es? Wollen Sie als nächster drankommen? Ich massiere auch Menschen.“ Christian lachte, aber Cindy Marquardt, wie die Pflegerin sich später vorstellte, meinte es ernst.

Als sie mit Nonja fertig war und die Äffin wieder in das Haus gesperrt hatte, ließ sie Christian in das Außengehege herein. Er legte sich auf die Bank und sie massierte ihm den Rücken. „Sie machen das toll“, meinte er. „Genau das Richtige nach der langen Autofahrt.“ – „Sie sind der Freund von Nadia, nicht wahr?“ Christian zierte sich. „Na ja, wir kennen uns noch aus der Schule. Wir sind… gute Bekannte.“ Als Cindy fertig war, gab sie ihm lächelnd die Hand zum Abschied. „Wir sehen uns bestimmt wieder. Sie gehören ja jetzt zur Zoofamilie, nach dem heroischen Einsatz für die Skorpione.“

Christian kehrte zu Nadia zurück. „Wir haben doch noch einen Androctonus im Wagen gefunden!“, rief sie ihm zu. Christian wurde bleich. Sie beobachtete ihn und sagte dann: „Das war nur ein Scherz.“ – „Wirklich?“ Sie zögerte kurz. „Ja, wirklich. Vielen Dank für deine Hilfe. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Hätte nicht jeder gemacht.“ – „Keine Ursache. Die lange Fahrt mit dir war sehr schön. Ich meine, es war toll, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Ich habe es gern gemacht.“ – „Und jetzt lade ich dich als kleines Dankeschön zum Essen ein. Keine Angst, es gibt keine gerösteten Skorpione, obwohl die sehr lecker schmecken.“

(162) Es ging jetzt besser.

Es ging jetzt besser. Christian Huller konnte durch das große Fenster der Autobahnraststätte immer noch das Auto sehen, aber jetzt trennte ihn eine sichere Entfernung von den 283 Skorpionen. Er konnte auch schon wieder Scherze machen und zeigte auf den älteren, manierierten Herrn mit den Rallye-Handschuhen. „Pekarileder“, bemerkte Nadia. Bei Tieren kannte sie sich aus. „Kommt von Nabelschweinen. Wir haben im Zoo eine ganze Rotte davon.“ Christian nickte. Ihm graute vor der Weiterfahrt und er versuchte den Moment hinauszuzögern.

Als er vor zwei Wochen Nadia Ahrens, seine Flamme aus Schultagen auf der Straße traf, war es wie eine Fügung. Sie war mittlerweile Biologin, arbeitete im Zoo. Eine Woche später bat sie ihn um Hilfe. Er sagte zu, bevor er wusste worum es ging. Zeit hatte er, denn er arbeitete als freiberuflicher Fremdenführer.

Nadias Doktorvater war gestorben und hatte ihr seine Tiere vermacht. Nadia brauchte jemand, der mit ihr zu ihrer Unistadt fuhr, um die Tiere abzuholen und quer durch das Land zu ihrem neuen Arbeitsplatz im Zoo zu fahren. Als er mitbekam, dass es sich um Skorpione handelte, hatte er schon zugesagt. Glücklicherweise waren die Tiere bereits in kleinen weißen Boxen verpackt, als sie ankamen.

Der Assistent des Verstorbenen gab Nadia eine Inventarliste. Sie war begeistert. Es musste sich um eine der größten Sammlungen von Skorpionen weltweit handeln. Lebende Skorpione, wohlgemerkt.

Als sie auf der Rückfahrt waren, war das Gekrabbel der Tiere in den Kunststoffboxen unerträglich gewesen. Christian stellte das Radio an, das aber nervte Nadia beim Fahren. Sie machten schließlich eine Pause in der Raststätte.

„Wie müssen jetzt weiter“, drängelte Nadia. Christian trank aus und folgte ihr zum Wagen. Er war jetzt dran mit Fahren. Er schwang sich auf den Fahrersitz und suchte nach dem Hebel, um den Sitz nach hinten zu schieben. Es knirschte dann und Nadia schrie „Vorsicht!“ Er hatte mit dem Sitz eine Box zerquetscht und darin lagen jetzt zwei tote Skorpione. „Du hast Glück“, sagte Nadia, „es waren nur Androctonus. Die sind zwar sehr giftig, aber es gibt sie häufig.“ – „Bist du sicher, dass nicht noch einer im Wagen frei herumläuft“, fragte er. Sie schaute auf die Bestandsliste: „Nein, Box 127, zwei Androctonus amoreuxi. Dank dir haben wir jetzt nur noch 281 insgesamt. Gut gemacht, Killer.“ Sie sagte es freundlich.

Wenigstens das, dachte er, als er sich wieder in den Wagen setzte und den Motor anließ. Vielleicht war die ganze Fahrt ein Test und sie würde ihn belohnen. Er hoffte es.

(161) „Hallo?“, bellte Herwig Bernhäuser in die Freisprechanlage seines Audi Q7.

„Hallo?“, bellte Herwig Bernhäuser in die Freisprechanlage seines Audi Q7. Seit er immer wieder seine Mobilnummer ändern musste, weil irgendwelche Trottel ihn am Telefon beschimpften, war er vorsichtig geworden. Es war Albert List, den Bernhäuser schon ewig kannte und der ihm immer mit seinen Medienkontakten half. Deshalb hatte er als Dankeschön List mit in die Jury für den Sportler des Jahres aufgenommen. Albert erzählte, dass er leider nicht kommen konnte, weil eine Bombe in seinem Garten gefunden worden war. „Ach herrje“, meinte Bernhäuser. „Aber du bist in Sicherheit, ja? Gott sei Dank, das ist das Wichtigste.“ Er hatte Verständnis und drückte List die Daumen. „Ich habe ja selbst Erfahrung bei Bomben. Wenn sie platzen, sollte man sehr, sehr weit weg sein“.

Bernhäuser war langjähriger Präsident des Verbandes der Sportverbände. Kritiker hatten ihm immer wieder korruptes Verhalten vorgeworfen, aber Bernhäuser hatte sich danach immer nur einmal geschüttelt und weitergemacht wie vorher. Er war unersetzlich. Bevor die Veranstaltung begann, hatte er noch ein Treffen mit Klemens Heizmann, einem Saftproduzenten, Marke ‚Tsap‘. Auch er ein guter Freund.

Da Heizmann einer der wesentlichen Werbepartner einiger Verbände war, sollte diese Verabredung nicht öffentlich stattfinden. Deshalb trafen sie sich in einer Autobahnraststätte. Heizmann war schon dort und trank ein Glas Saft. „Konkurrenzbeobachtung“, bemerkte er, denn es war nicht sein Produkt. „Aber unseres ist besser positioniert.“ – „Das freut mich, Klemens.“ Bernhäuser ließ drei Süßstoffpillen in seinen Kaffee plumpsen und rührte um. Seine schwarzen Autofahrerhandschuhe trug er immer noch. Er verabscheute es, in öffentlichen Gebäuden irgendetwas direkt anzufassen. Vor allem grauste es ihm vor schmierigen Flächen.

Heizmann erklärte ihm, dass er die Möglichkeit haben wollte, einzelne Ligen einzelner Verbände nach seinem Produkt zu benennen. „Ich will die Tsap-Liga und ich sehe keinen triftigen Grund, warum das nicht gehen soll. Herwig, ich brauche deine Hilfe. Du kannst mit diesen Armleuchtern reden und sie zur Vernunft bringen.“

Bernhäuser testete den Kaffee. Er war ungenießbar. Er verzog den Mund. „Du hast doch bestimmt ein Herzensprojekt, das ich fördern könnte“ fuhr Heizmann fort. „So hat jeder was davon. Komm, mein Lieber, es ist für einen guten Zweck.“

Bernhäuser schaute sich diskret um. Nur Familien, Handelsvertreter oder Jugendliche an den Tischen um sie herum. „Du stellst dir das so einfach vor, Klemens. Ich mach das ja nicht allein. Viele Leute haben da Unkosten. Lass uns mal überlegen, wie wir das anstellen.“

(160) Es war ein Samstag ganz nach Albert Lists Geschmack.

Es war ein Samstag ganz nach Albert Lists Geschmack. Seine Frau war auf dem Golfplatz und er hatte bis 16 Uhr freie Bahn. Danach musste er zu einer Veranstaltung, bei der die Sportler des Jahres ausgezeichnet wurden. Er war in der Jury. Vorher wollte er endlich seinen Garten erweitern. Von der Straße aus sah man wenig von dem Listschen Grundstück, denn es war von einer hohen Mauer umgeben. Dahinter gab es einen Rasen- und Poolteil, der gehörte seiner Frau. Und dann gab es auf der anderen Seite der Villa den Schrebergarten, sein Reich. List hatte seiner Frau einen Teil des Rasens abgehandelt. Sie hatte dafür ein Pferd bekommen.

Mit dem Spaten machte sich List an die Arbeit und grub den neuerworbenen Rasen um. Er brauchte einfach mehr Platz, um Kohl anzubauen. Mit dem Arbeiten wurde ihm heiß und er arbeitete mit nacktem Oberkörper weiter. Er genoss es, zu sehen, wie aus dem Rasenstück nach und nach ein Acker wurde.

Plötzlich stieß der Spaten auf Widerstand. Es klang metallisch. Er kniete sich auf die Erde und grub mit den Händen. Schnell zog er die Hand zurück, als er einen Teil eines rostigen Metallzylinders freigelegt hatte. List hielt den Atem an. Eine Fliegerbombe, schoss es ihm durch den Kopf.

Er rief die Feuerwehr, die Feuerwehr verständigte Polizei und Sprengstoffexperten des Landeskriminalamts. Innerhalb kurzer Zeit waren die Straßen des Villenviertels gesperrt. Überall Blaulichter. Jörn Lüders, der Sprengstoffexperte, schaute sich den Fund an und meinte, dass er nicht weiter arbeiten könne, bevor nicht im Umkreis von 300 Metern alle Häuser evakuiert seien. Es war keine Zeit zu verlieren. Eine Polizeihundertschaft informierte alle Anwohner. Es wurde eine Frist bis 14 Uhr gesetzt.

Ab Mittag setzte sich eine Kolonne von Geländewagen, Oberklasselimousinen und Sportwagen in Bewegung, um das Viertel zu verlassen. Das Angebot, in einer Schule Schutz zu finden, wurde nur von ein paar Dienstboten in Anspruch genommen, für die in den Autos kein Platz mehr gewesen war. Auch List war in dem Konvoi und sorgte sich um seine Kohlrabi, Kartoffeln und Karotten.

Gegen 15 Uhr war es still im Viertel. Alle Zufahrtsstraßen waren abgesperrt. Polizisten hatten an allen Haustüren geklingelt, um sicherzustellen, dass die Evakuierung vollständig war. Lüders und sein Assistent hatten Schutzkleidung angezogen und gingen mit ihrem Werkzeugkasten zu Lists neuem Acker. Der Einsatzleiter der Polizei hatte hinter einer mobilen Stahlschutzwand Zuflucht genommen und observierte den Vorgang durch einen schmalen Schlitz. Seine Kommentare sprach er in ein Sprechfunkgerät. Er sah wie Lüders aufstand und winkend auf ihn zukam. „Entwarnung. Alles in Ordnung“, rief er, als er seinen Schutzhelm abgenommen hatte. „Haben Sie die Bombe entschärft?“ – „Das war nicht nötig“, meinte Lüders, „es war nur ein großer Auspufftopf, wie von einem Jeep.“

(159) List kam um seinen Schreibtisch herum, umarmte Kops und schlug ihm auf die Schultern.

List kam um seinen Schreibtisch herum, umarmte Kops und schlug ihm auf die Schultern. „Max, schön, dass es geklappt hat. Setz dich. Kaffee? Ursula, einen doppio macchiato und ein Wasser für mich.“

List schloss die Tür und setzte sich Kops gegenüber auf einen Sessel. „Was machen unsere Menschen im Hotel?“ Kops gab ihm einen Überblick darüber, was er in der letzten Woche gemacht hatte, mit welchen Schauspieler er sprach, wie die Planungen mit den Bühnenbildnern vorangingen. „Klingt gut. Was macht das Drehbuch?“ Kops erklärte, dass er noch damit kämpfte, das Buch in das 21. Jahrhundert zu holen. „Es ist immer noch so viel von diesem großbürgerlichen Gewürge in der Geschichte. Nur alte Fürze: Arzt, abgehalfterte Ballerina, Buchhalter, Topmanager und so weiter. Ich habe mit guten Freunden und einigen Flaschen Rotwein ein nächtliches Brainstorming abgehalten, um die Essenz der Geschichte zu destillieren und in die Jetzt-Zeit zu überführen. Es war klar, dass wir mehr an den Charakteren drehen müssen. Sie müssen jünger und quirliger sein. Ich will es auch etwas exotischer machen. Ich habe mir gedacht, dass es sehr auflockernd wirken könnte, wenn eine Gruppe von Zirkusartisten auf Tournee im Hotel übernachtet. Es wäre auch ein roter Hering für die Einbrüche in den Zimmern – man käme nicht so schnell auf Baron Gaigern. Den will ich auch verändern. Barone gibt es ja kaum noch. Ich habe mir gedacht, dass er Rapper sein könne. Da könnten wir Ducky D. nehmen. Er ist gerade von einer Detox zurück und voll gut in Schuss.“

List hob abwehrend die Hände. „Eines muss ich dir lassen, Max. Es ist auf jeden Fall anders als im Buch, wo steht: ‚Menschen kommen. Menschen gehen. Nie passiert etwas.‘ Bei dir ist immer etwas los. Jede Woche sieht das Projekt komplett anders aus.“

Langsam versiegte das Pferdegrinsen in Kops‘ Vollbart. „Max, ich will, dass du erst einmal keine neuen Verträge abschließt, bevor ich nicht mit den Geldgebern gesprochen habe. Die Leute haben Garbo und Crawford vor Augen. Wir dürfen sie nicht vor den Kopf stoßen. Ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere auch etwas ganz Neues versuchen möchte. Auf jeden Fall, überlass mir diese Gespräche. Ich denke, dass ich dir nächste Woche mehr erzählen kann.“ –„Aber Albert, was soll ich denn bis dahin machen?“ List überlegte kurz. „Was bei mir immer hilft, um Energie zu gewinnen und den Kopf frei zu bekommen: Gartenarbeit. Mit dem Spaten ein Stück Land umgraben. Danach fühle ich mich wie neugeboren… Aber das ist so bei mir“, fügte er hinzu, als er Kops‘ entgeisterte Miene sah, „bei dir ist es vielleicht etwas ganz anderes.

(158) Der vollverspiegelte Aufzug hielt in der fünften Etage.

Der vollverspiegelte Aufzug hielt in der fünften Etage. Seidel stieg aus und suchte nach der Nummer 307, der Suite von Max Kops, mit dem er zum Frühstück verabredet war. Kops öffnete selbst und zeigte sein Pferdegebiss in der Mitte seines räudigen Vollbarts. Darüber eine große Brille und darüber fettiges Haar, das die Stirn fast völlig verdeckte. Kops roch nach einem aufdringlichen Parfüm, das Seidel sogar noch am Abend an seinen Händen wahrnahm. Sie setzten sich. Kops gab die Bestellung durch und lobte Seidels bisheriges Schaffen in größerem Detail, als dieser es erwartet hätte. Jemand hatte Kops‘ Hausaufgaben gemacht.

Dann kam das Frühstück und nach dem ersten Schluck Kaffee skizzierte Kops seine Vision für Menschen im Hotel. „Ich liebe Hotels! Hier kommt alles zusammen, die Kreuzung der Menschheit. Es ist so, als ob ich Vicki Baum schon immer kannte. Menschen im Hotel, ein grandioses Meisterwerk. Es muss natürlich aktualisiert werden. Aufgefrischt. Aber es ist alles da.“

Seidel erklärte, dass er das Buch sehr gut kenne und schon immer bewundert habe. Den Garbo-Film erwähnte er nicht, Kops könnte sich gekränkt fühlen. Er täuschte sich, denn Kops selbst fing an von dem Film zu schwärmen: „Und dann dieser fantastische Film von Goulding mit der Garbo. Aber wir brauchen heute ein anderes Grand Hotel. Und mit Ihnen zusammen, will ich es bauen.“

Seidel war gespannt, in welcher Rolle Kops ihn sah. Er erwartete die Rolle des hübschen, jungen Baron von Gaigern. Er war verblüfft, als Kops sagte: „Sie sind für mich der perfekte Dr. Otternschlag!“. Im Buch war Otternschlag ein alter, vom 1. Weltkrieg verunstalteter Arzt, morphiumsüchtig und ständig am Rande des Selbstmords. Kops erkannte Seidels Verstörung. „Oh, aber Sie dürfen das nicht mit dem Buch vergleichen. Meine ‚Menschen im Hotel‘ wird anders werden. Otternschlag hat am Anfang ein kleines Rauschgiftproblem durch seine traumatisierte Psyche. Aber er ist jung, schön und treibt den Plot voran. Eigentlich ist es ein Film über Otternschlag und andere Menschen im Hotel. Den Namen ändern wir wahrscheinlich auch. Zu Deutsch.“

Kops strahlte Seidel an, der mit geöffnetem Mund dasaß. „Was meinen Sie? Sind Sie dabei?“ Seidel nickte, viel enthusiastischer als er sich fühlte, aber viel weniger als es Kops erwartete. Das Frühstück war dann sehr schnell beendet. Kops sagte ihm, man würde ihn zum Vorsprechen einladen.

Seidel sagte, dass er sich sehr darauf freue. Sie gaben sich die Hand. Im Aufzug nach unten musste Seidel seine Stirn an die kühle Aufzugwand lehnen. Als er sich ansah, schien sein Abbild verschwommen hinter einem Fettfilm.

(157) Der Auftritt war schauspielerisch zwar nicht sonderlich fordernd gewesen…

Der Auftritt war schauspielerisch zwar nicht sonderlich fordernd gewesen, hatte ihn dennoch ermüdet. Raum für Improvisationen bestand nicht, es gab genaue Regeln, was er in seiner Rolle tun durfte. Aber dann war es vorbei und Seidel durfte endlich das Kostüm und vor allem den Helm ablegen.

Er saß gerade im Auto und wollte nach Hause fahren, als sein Mobiltelefon klingelte. Es war Rainer Martens, sein Agent. „Hast du dir das Drehbuch angeschaut? Ich finde, die Rolle passt sehr gut zu dir. Eine tolle Weiterentwicklung. Was meinst du?“ – „Ich habe gerade vier Stunden Darth Vader gespielt. Können wir ein anderes Mal darüber reden?“

Martens erklärte ihm, dass sich der Zeitplan der Produktionsgesellschaft geändert habe und er sofort eine Antwort brauchte. Seidel schaute über den Parkplatz auf dem die Leute kreuz und quer ihre prallvollen Einkaufswagen schoben. „OK, ich mach’s.“ – „Sehr schön“, antwortete Martens, als ob er nur eine rhetorische Frage gestellt hätte.

Kaum hatte Seidel aufgelegt, als das Telefon wieder klingelte. Albert List, ein Freund und Filmproduzent. Seidel berichtete von seinem Tag. List erzählte von seinem neuen Projekt. Ein Remake von ‚Menschen im Hotel‘ von Vicki Baum. „Du solltest dich mal mit dem Regisseur treffen. Max Kops, kennst du ihn? Toller Kerl. Frischt das Konzept auf. Die Castings laufen gerade. Sind alles Superrollen. Klasseprojekt.“ Nach dem Telefonat war Seidel in einem Dilemma. List war zwar ein Freund, aber eine Garantie gab es nicht. Auch bei der Serie war nicht sicher, ob es mehr als nur ein Pilot sein würde. Film schlug TV.

Er rief Rainer Martens an. Er erklärte ihm, dass ihm gerade am Telefon ein tolles Projekt angeboten wurde. Ob Martens nicht noch mit dem Rückruf an die TV-Produzenten warten könne? Nur ein Tag? „Sorry, das geht nicht. Ich stehe im Wort.“ Seidel atmete schwer ins Telefon. „Was ist das für ein anderes Projekt? Und warum erfahre ich nichts davon? Ich bin dein Agent! Ich sollte diese Gespräche führen!“ Seidel wollte verhindern, dass Martens List anrief und herunterputzte. Er wand sich hin und her.

„Olaf, ich habe mehr getan als ein Agent macht für seine Kunden, damit du diese Serienrolle bekommst. Es ist nicht Hollywood, aber es ist das beste Angebot deiner Karriere bisher. Aber bitte, du musst wissen was du tust. Was soll ich jetzt machen?“ Seidel schloss die Augen und sagte: „Wenn du sie nicht hinhalten kannst, dann sag bitte ab. Ich muss es riskieren.“ – Du bist ein Scheißkerl, Olaf Seidel“, antwortete ihm Martens und knallte den Hörer nieder.

(156) Der Typ von der Werbeagentur öffnete die Tür zu Olaf Seidels Garderobe und steckte den Kopf herein.

Der Typ von der Werbeagentur öffnete die Tür zu Olaf Seidels Garderobe und steckte den Kopf herein. „Die beiden Stormtrooper sind noch nicht da, wir warten noch zehn Minuten. Alles ok sonst?“ Olaf nickte und schaute wieder in das Drehbuch für ‚St. Marks‘, eine neue Vorabendserie, bei der er eine Chance auf eine Rolle hatte. Seidel war bisher nicht sonderlich erfolgreich gewesen als Schauspieler. Sonst würde er auch nicht hier in dieser Shopping Mall sitzen und auf seinen Auftritt als Darth Vader warten. Er hatte das Kostüm bereits vollständig angelegt, nur der zweiteilige Helm mit dem Stimmverzerrer lag noch auf dem Tisch. Zumindest war es ein Job, mit dem er seine Miete zahlen konnte.

Seidel war sich nicht schlüssig, ob er eine Rolle in einer Fernsehserie annehmen sollte. Finanziell würde es ihn absichern. Zumindest, wenn die Serie ein Erfolg werden würde. Andererseits behinderte es auch andere Möglichkeiten und presste ihn eventuell zu sehr in eine Schablone. Man wollte, dass er einen Sheriff spielte.

Er blätterte zu der Rollenübersicht zurück. Sheriff Leland Phelps aus St. Marks, einem etwas verpennten Nest irgendwo im Mittleren Westen der USA. Große Kriminalfälle oder Gewalt waren nicht zu erwarten. Er sollte mehr der Freund und Helfer sein. Jemand zu dem die Leute kamen, damit er nachbarschaftliche Streitigkeiten schlichtete. Manchmal auch das Bindeglied zwischen den normalen Bürgern und dem reichsten Mann am Ort, einem Millionär namens Pozzo, der glaubte, dass alle nach seiner Pfeife tanzen sollten. Aber wie gesagt, alles ganz freundlich und locker, tauglich für ein gemischtes Vorabendpublikum.

Die Tür der Garderobe öffnete sich wieder und der Werbetyp kam rein. „Wir müssen umdisponieren, die beiden Stormtrooper hatten einen Unfall. Sie wollten besonders witzig sein und setzten auf der Fahrt die Helme auf. Den Sattelschlepper haben sie dabei wohl übersehen. „Oh“, sagte Olaf Seidel. „Die Macht war wohl nicht mit ihnen.“ – „Nein, beide sind tot. Wollen Sie trotzdem den Auftritt machen?“ – „Klar“, sagte Seidel. „Sonst sterbe ich auch noch, und zwar vor Hunger.“

Er stand auf und mit Hilfe des Werbetyps legte er zuerst das Unterteil des Helms an. Er testete den Stimmverzerrer und atmete heftig in das Mikrofon. „Passt.“ Als das Unterteil an seinem Kopf befestigt war, setzte er sich das Oberteil darauf und schaute sich in den Spiegel. „Ich bin dein Vater.“ – „Jetzt wo Sie es sagen…“, entgegnete der Werbetyp. „Aber jetzt mal los, die dunkle Seite der Macht wartet nicht gerne.“

(155) Sheriff Leland Phelps war froh, endlich wieder einen richtigen Polizeiauftrag zu bekommen.

Sheriff Leland Phelps war froh, endlich wieder einen richtigen Polizeiauftrag zu bekommen. Es war natürlich vorteilhaft, wenn es wenig Kriminalität gab. Aber ganz ohne wollte er auch nicht sein. Manchmal hatte er den Eindruck, als ob er nur als Vorortpolizist in einer Vorortserie spielen würde. Sein bis dahin wichtigster Termin des Tages war eine Art PR-Sache gewesen. Die amtierende Miss Cotton, eine junge Frau mit dem Namen Rhonda Miller, war zu ihm ins Büro gekommen. Sie kam in Begleitung eines schwatzmäuligen Agenten und einer Meute von Fotografen und Journalisten.

Das Ganze war natürlich die Idee des Agenten gewesen. Phelps bereute es sehr bald, dass er überhaupt zugesagt hatte. Ob es seiner Wiederwahl helfen würde, müsste man noch sehen. Er hatte Miller die einzige Gefängniszelle gezeigt und die Fotografen bestanden darauf, Fotos von ihr hinter Gittern zu schießen. Dann zeigte er ihr ein Gewehr und auch hier gab es Aufnahmen in den abstrusesten Positionen.

Er hatte schon Feierabend, als der Anruf kam. Ein Anwohner hatte verdächtiges Licht in einem Wochenendhaus an der Stadtgrenze gesehen. Phelps schnallte sich den Pistolengurt um und fuhr los. Einige Meter vor der Einfahrt zu dem Wochenendhaus hielt er an und ging zu Fuß weiter.

Das Tor zur Straße hin war zwar geschlossen, aber die Kette, die es sichern sollte, hing lose am Pfosten. Phelps zog seine SIG Sauer P229. Er schob die Pforte nur so weit wie nötig zur Seite. Im Wochenendhaus brannte tatsächlich Licht. Er sah es, als er sich näherte. Die Tür war offen, ein Fensterladen schwankte im Wind. Er konnte im Innern nichts erkennen. Er schlich einmal um das Haus herum, die anderen Fensterläden waren allerdings geschlossen.

Vorsichtig stieg er die Treppe auf die Veranda hoch. Eine knarrende Stufe ließ ihn kurz verharren. Nichts geschah. Das Haus schien leer. Mit der Pistole im Anschlag ging er hinein und suchte nacheinander alle Räume ab – es war kein Mensch im Haus. Auf dem Tisch im vorderen Raum stand eine leere Flasche Jack Daniel’s Nr. 7, daneben eine Baseballmütze mit der Aufschrift ‚GOOD Trucking‘ sowie eine Peitsche, deren Stränge aufgefasert waren. Auf dem Boden stand eine weitere leere Flasche Whisky in einem schmutzigen Sportschuh.

Phelps griff nach seinem Funkgerät und rief die Bereitschaft. „Hier ist Sheriff Phelps. Bin im Wochenendhaus von Herrn Pozzo. Es hat ein Einbruch stattgefunden. Es waren wahrscheinlich Landstreicher. Nichts gestohlen, zumindest sieht es nicht danach aus. Keine Zerstörung außer der aufgebrochenen Tür. Ihr informiert ihn, damit er die Tür reparieren kann. Das war’s dann für heute. Ich fahre jetzt nach Hause. Clear.“