(133) Kurz nachdem der Krankenwagen Wendel abtransportiert hatte…

von Alain Fux

Kurz nachdem der Krankenwagen Wendel abtransportiert hatte, kam auch das Taxi, das Antoine bestellt hatte. „Ich möchte mitfahren, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, sagte Antoine Frau Wendel. Sie zuckte mit den Schultern und er stieg ein. Als das Taxi losfuhr, bemerkte er, das er immer noch eine Serviette über dem Arm hängen hatte. Sorgfältig faltete er sie zusammen und hielt sie mit beiden Händen fest. Frau Wendel trug eine Sonnenbrille. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht einsortieren. Er selbst hatte ein schlechtes Gewissen. Es war nicht klar, ob das Unwohlsein von Herrn Wendel mit dem Essen des Restaurants zu tun hatte oder nicht. Manche Giftstoffe in Austern wirkten sehr schnell. Alle anderen Gäste des Abends würden die Szene leider unweigerlich mit dem Essen des Rudelsburg in Verbindung bringen. Es würde sich herumsprechen. Hätte Wendel es doch wenigstens bis auf die Toilette geschafft. Quer über den Tisch! Es war ekelhaft gewesen. Antoine tupfte sich mit der Serviette die Stirn ab.

Dann war das Taxi am Krankenhaus angekommen. Er lief um den Wagen und hielt Frau Wendel die Tür auf. Während er das Taxi zahlte, ging sie schon zur Rezeption. Als er dort ankam, stand sie schon vor dem Aufzug. Er stellte sich einfach dazu, wagte nicht, noch einmal zu fragen.

Dann saßen sie in einem Wartezimmer. Außer ihnen war dort nur noch ein Mann, der mit einer großen Lupe in einem Buch las. Frau Wendel beugte sich sofort über den Stapel mit den Zeitschriften, die auf einem niedrigen Tisch in der Mitte des Raums auslag. Nachdem sie den ganzen Stapel durchgeschaut hatte, nahm sie die erste Zeitschrift und setzte sich wieder. „Alles komplett veraltet. Keine einzige Zeitschrift die nicht schon mindestens einen Monat alt wäre. Und das soll erste Klasse sein!“, schimpfte sie.

Antoine wusste nicht, ob sie wegen des Schocks so reagierte oder weil es ihre Natur war. Er nahm sich ein beliebiges Magazin und klappte es auf. Es war eine Anglerzeitschrift, stellte er fest. Er blätterte ohne großes Interesse darin. Nur auf der Rezeptseite verhielt er kurz. Als er aber merkte, dass es um Hechtklößchen in Dillsauce ging, blätterte er angewidert weiter.

Immer wieder schaute er zu Frau Wendel, die ungerührt in ihrer Modezeitschrift las. „Wie geht es Ihnen?“, fragte er sie schließlich. Ihre Reaktion überraschte ihn. „Sie glauben, dass ich nicht angemessen reagiere, nicht wahr?“ Sie ließ die Zeitschrift sinken und legte sie dann zur Seite. Antoine wollte protestieren, aber sie sprach einfach weiter: „Ich bin darüber hinweg. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gerne den Grund dafür.“

Advertisements