(131) Karlludwig Wendel öffnete selbst die Tür, um Laurenz Pfaff hereinzulassen.

von Alain Fux

Karlludwig Wendel öffnete selbst die Tür, um Laurenz Pfaff hereinzulassen. Pfaff hatte vorhin sehr aufgeregt geklungen. Da er am Telefon nicht reden wollte, hatte Wendel ihn zu sich bestellt. „Sie wollten weg? Sorry, dass ich störe!“ Wendel winkte ab „Oper. Freischütz.“ Er geleitete Pfaff durch die Schiebetür auf die hintere Terrasse. Auf dem Weg dorthin winkte Pfaff Kati Wendel zu, die im schwarzen Abendkleid mit langen weißen Handschuhen die Treppe herunterkam.

Wendel zog die Tür zu, als sie draußen waren. „Worum geht es?“ Pfaff erzählte, dass er von einem Informanten beim Zoll gehört habe, dass am nächsten Tag eine Razzia auf Wendels zurzeit größter Baustelle durchgeführt werden sollte. „Mende!“, entfuhr es Wendel. Er ballte eine Hand zur Faust und schlug damit in die Handfläche der anderen. Pfaff nickte. „Er lässt nicht locker.“ – „Wie weit sind die Arbeiten?“ – „Wir sind am Innenausbau im siebten Stockwerk. Es ist nicht klar, ob die Razzia am Montag oder am Dienstag durchgeführt wird.“ Wendel stand am Rande der Terrasse und hatte die Hände in seinen Hosentaschen begraben. Er schaute in die Ferne.

Pfaff erklärte, was er tun wollte. „Ich werde noch heute Abend alle unsere Gäste von der Baustelle abholen und in unser Ferienlager bringen.“ Das ‚Ferienlager‘ war ein Plattenbau, der einer Tochtergesellschaft der Wendel-Gruppe gehörte. Eigentlich war der Komplex abrissreif. Da ein Neubau an dieser Stelle aber keine Konjunktur hatte, wurde das Gebäude als inoffizielles Wohnheim für Arbeiter genutzt, die zwischen zwei Baustellen waren. „Es wird etwas eng, aber unsere Gäste werden uns deswegen keine Schwierigkeiten bereiten.“ – „Wie viel Zeit verlieren wir damit?“ – „Mit dem Transport wahrscheinlich drei bis vier Tage. Wir sind aktuell ganz gut im Plan. Ich schätze, dass wir die Fehlzeit durch Wochenendarbeit bereits in zwei Wochen wieder raus haben. Das Projekt ist nicht gefährdet.“

Wendel drehte sich zu ihm und hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich dachte, wir würden schon in Sieben-Tage-Wochen arbeiten!?“ Pfaff schüttelte den Kopf. „Samstags eine halbe Schicht, Sonntags frei. Wegen der vielen Überstunden unter der Woche wollen die meisten nicht das ganze Wochenende durcharbeiten. Aber in dieser Situation werden sie mitziehen. Wäre ja sonst auch ein Einkommensverlust.“ – „Also gut, ich bin einverstanden.“

Wendel führte ihn ums Haus herum zu seinem Wagen und verabschiedete ihn. „Viel Spaß in der Oper“, sagte Pfaff zum Abschied. Wendel hob abwehrend die Hand und ließ sie wieder fallen. Pfaff fuhr weg.

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