(130) Kornel Mende stand kerzengerade vor dem Verkaufstresen.

von Alain Fux

Kornel Mende stand kerzengerade vor dem Verkaufstresen. Er trug einen makellosen schwarzen Anzug. Seine Stirn war tief gerunzelt. Jeder, der ihn kannte, musste wissen, dass er zum Äußersten angespannt war. Seine Schnurrbartenden zitterten leicht. Vor ihm lag eine seiner Hosen, natürlich auch diese schwarz. Gereinigt zwar, aber sehr unachtsam gebügelt. „Trambahnschienen“, hatte er trompetet und mit dem starr ausgestreckten Zeigefinger darauf gedeutet. Die Frau hinter der Theke hatte ihn verdattert angeschaut und war nach hinten gegangen.

Mende war kein Unmensch, sondern ein Beamter. Er erwartete eine zufriedenstellende Ausführung seiner Aufträge oder zumindest eine förmliche Entschuldigung, falls dies nicht möglich war. Schlamperei und Mangel an Professionalität waren ihm ein Graus.

Jetzt kam eine andere Frau nach vorne. Sie glich der ersten wie ein Ei dem anderen, fand er. Wieder zeigte er auf die verhunzte Bügelfalte und schaute sie grimmig an. Sie beschaute sich die Falte und sah verzweifelt zu ihm hoch. Sie murmelte etwas, worin er das Wort „Chef“ zu erkennen glaubte.

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Mende war Beamter im Hauptzollamt und kümmerte sich um Schwarzarbeit auf dem Bau. Da er nicht an Außeneinsätzen teilnahm, war Schwarzarbeit für ihn ein eher abstraktes Konzept. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er in seinem täglichen Leben so unmittelbar damit konfrontiert sein könnte oder dass er quasi indirekt Schwarzarbeit finanzierte. Und doch musste es so sein. Es war eine Zumutung. Die beiden Frauen, die eingeschüchtert und ohne Deutschkenntnisse in dieser heißfeuchten Umgebung werkelten, waren ohne Zweifel Schwarzarbeiterinnen. Außerdem waren sie schlampig und nicht in der Lage, ihn als Kunden korrekt zu betreuen. Er konnte beide Ärgernisse natürlich auseinanderhalten, aber das zweite verschlimmerte das erste.

Mende musste handeln. Es war seine erste Bürgerpflicht. Er unterbrach die Frau, die immer noch bedauernd vor sich hin murmelte und hob den Finger: „Ich komme zurück!“ Er raffte die Hose als Beweismittel zusammen und legte sie sorgfältig zusammengefaltet in die mitgebrachte Plastiktüte. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte aus dem Laden.

Innerhalb einer Stunde war das Nest von Schwarzarbeiterinnen ausgehoben. Der Besitzer der Reinigung war noch nicht aufgetaucht, aber zwei bewaffnete Zöllner saßen im Laden und erwarteten ihn. Währenddessen suchte Mende in den Gelben Seiten, wo er in Zukunft seine Anzüge reinigen lassen konnte. Er nahm sich vor, künftig immer gleich die Sozialausweise der Mitarbeiter zu überprüfen.

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