(129) Jürgen Pelz stand auf der anderen Straßenseite und schaute zu seiner Reinigung hinüber.

von Alain Fux

Jürgen Pelz stand auf der anderen Straßenseite und schaute zu seiner Reinigung hinüber. ‚Textilpflege Siegbert Pelz‘ sagten die Leuchtbuchstaben an der Fassade. Genüsslich zog er an seiner Zigarette.

Es war damals eine schwere Entscheidung gewesen, die Schule zu verlassen, um den Laden nach dem Tod seines Vaters zu übernehmen. Er vermisste es, seine Schulfreunde nicht mehr zu sehen und mit ihnen Witze auszutauschen. Seine Mutter hatte ihn zwar nicht beeinflusst in seiner Entscheidung, aber er fühlte, dass er damit das richtige tat. Außerdem war er nicht zum Studieren gemacht – er war mehr der Mann fürs Praktische. Anfangs hatte er sich erst zurechtfinden müssen. Wenn er den Laden am Abend zuschloss, war er ausgelaugt vom Reden mit der Kundschaft und hatte Rückenschmerzen wegen der schweren Wäschekörbe.

Allmählich fand er heraus, dass das Geschäft nicht besonders gut lief. Würde er sich selbst ein angemessenes Gehalt zahlen, wäre der Laden ein reines Verlustgeschäft. Der Wettbewerb durch die Reinigungsketten war intensiv und es gab wenige Möglichkeiten für ihn, seine Umsätze zu steigern. Zwei Umstände hatten ihm dann geholfen: Zum einen starb seine Mutter. Dadurch konnte er ihre Wohnung übernehmen und sparte Miete. Außerdem fiel natürlich ihr Unterhalt weg. Es gab ihm auch die Möglichkeit, selbst eine Familie zu gründen, falls er denn mal eine Frau kennen lernen würde.

Zum anderen kündigte die einzige feste Mitarbeiterin, die er hatte. Sie war noch von seinem Vater eingestellt worden und verdiente ein Heidengeld. Jürgen hatte sich nicht getraut, mit ihr über eine Reduzierung zu sprechen. Sie zog in eine andere Stadt, zu ihrem Sohn und dessen Frau. Damit war Jürgen ein weiteres Problem los. Allerdings brauchte er schnell Ersatz für sie.

Er hängte im Supermarkt des Viertels eine Anzeige ans Schwarze Brett. Die nächsten Tage musste er sich einer Unzahl von Hausfrauen erwehren, die alle viel verdienen wollten, ihm aber gleichzeitig in großem Detail schilderten, dass sie nur zu ganz bestimmten Uhrzeiten zur Verfügung stünden und auf keinen Fall in der Lage waren, Überstunden zu leisten. Zwei Frauen blieben zurück, die beide kaum Deutsch sprachen, keine Arbeitspapiere hatten und beide Maria hießen. Beide waren zu unbezahlten Überstunden bereit, hatten saubere Hände und wollten in Summe weniger verdienen, als die Mitarbeiterin, die gekündigt hatte.

Jürgen stellte beide ein. Er nannte sie Maria1 und Maria2, weil er sich ihre Nachnamen nicht merken konnte. Dieses Arrangement lief nun seit drei Monaten und Jürgen hatte endlich das Gefühl, als Unternehmer voran zu kommen.

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