(128) Nachdem Schmelzer und die anderen beiden Patienten nach Hause gegangen waren…

von Alain Fux

Nachdem Schmelzer und die anderen beiden Patienten nach Hause gegangen waren, erledigte Stefanie noch die Papierarbeit, ordnete die Videoaufnahmen der Nacht und die Diagramme der aufgezeichneten Daten. Die Tagesschicht würde in zwei Stunden anfangen und die Erhebungen bewerten.

Sie sperrte das Schlaflabor zu und fuhr mit dem Auto zu einem kleinen Café, das bereits so früh aufhatte. Dort aß sie ein Schinkenbrot und trank ein Bier. Wenn sie keine besonderen Erledigungen hatte, war das ihre Routine, seit sie vor drei Jahren nur noch Nachtschicht arbeitete. Danach fuhr sie nach Hause. Ihren Lebensrhythmus hatte sie so eingestellt, dass sie alle privaten Kontakte auf den Abend konzentrierte, bevor sie gegen 22 Uhr wieder zur Arbeit ging.

Als sie nach Hause kam, las sie ihre neuen Emails. Eines davon war von Susa, einer Schulfreundin von früher. Als Stefanie weggezogen war, hatten sie sich aus den Augen verloren. Durch das Internet hatten sie sich wiedergefunden und schrieben einander nun in unregelmäßigen Abständen. Susa war Stefanies Ohr in die alte Heimat. Ein Treffen war geplant, aber bisher nie umgesetzt worden. Susa konnte wegen der Kinder nicht weg und Stefanie wollte nicht zurück in die Gegend, in der sie aufgewachsen war.

Susa schrieb, dass ein gemeinsamer Schulkamerad, Jürgen Pelz, genannt Nerz, gestorben sei. Krebs der Bauchspeicheldrüse. Nachdem er die Diagnose hatte, ging es sehr schnell. Beerdigung am folgenden Montag. Susa bot an, Stefanies Namen ins Kondolenzbuch mit einzutragen. Stefanie hatte Nerz vor Augen. Bürstenhaarschnitt, etwas überheblich, etwas dicklich. Kam bei den ersten Anzeichen von Sommer mit übergroßen Shorts in die Schule. Sie hatte Nerz nie wirklich gemocht. Er stand für den Mief ihrer Kindheit. Er war auch nicht nett zu ihr gewesen. Er hatte sie und wahrscheinlich auch alle anderen mit Scherzfragen genervt, bei denen er triumphierend die Pointe heraustönte, wenn alle mit den Schultern gezuckt hatten. Nur einmal hatte sie ihn übertrumpft, ganz am Anfang, als er in ihre Klasse gekommen war. Sie hatte mit ihm gewettet, dass sie mit ihrer Zunge ihre Nasenspitze berühren konnte. Er hatte es selbst versucht, war gescheitert und war auf die Wette eingegangen. Natürlich hatte er verloren. Sie wusste nicht mehr, was der Einsatz gewesen war. Stefanie stand auf und ging zum Spiegel. Sie streckte ihre Zunge heraus und krümmte sie nach oben. Sie erreichte immer noch die Spitze ihrer Nase. Allerdings schien es ihr, als ob es die rissige, belegte Zunge einer alten Frau war, die sich aus ihrem Mund herausrollte.

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