(127) Wieviele Kabel kleben Sie denn noch an mich?

von Alain Fux

„Wieviele Kabel kleben Sie denn noch an mich?“ – „Das war’s schon, Herr Schmelzer. Es sind insgesamt 23 und alle sind wichtig für die Diagnose“, antwortete Stefanie Hahn. Dann lag er im Dunklen und versuchte das Kopfkissen in eine Form zu klopfen, auf der er einschlafen konnte.

Das Schlaflabor war ein weiterer Versuch, seine Schlafprobleme in den Griff zu bekommen. Es wurde immer schlimmer und an jedem Morgen fühlte er sich, als ob man ihn die ganze Nacht verprügelt hätte. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass er mit steigendem Alter schlechter mit ständig wechselnden Hotelzimmern auskam. Früher hatte er damit nie Probleme gehabt.

Sein Besuch im Schlaflabor war geheim. Laut Spillers Regeln durfte keiner Schlafstörungen haben, der nach den Regeln lebte. Schmelzer lebte nicht nach den Regeln. Viele einsame Nächte im Hotel hielt er nur mit Alkohol aus. Manchmal bestellte er sich eine Frau aufs Zimmer oder nutzte die Pornofilme im Pay TV-Angebot. Es kam vor, dass er Aufputschmittel nehmen musste, um die langen Tage durchzustehen.

Nein, Tobias Spiller wäre nicht mit ihm zufrieden gewesen. Andererseits kannte Schmelzer alle Schwächen der Belegschaft aus eigener Erfahrung. Niemand war besser im Aufstöbern von Regelverletzungen als Schmelzer. Er kannte alle Entschuldigungen, die lauen Begründungen und Schutzbehauptungen, die die Angestellten vorbrachten, wenn er ihnen auf die Schliche gekommen war. Er wusste Sätze zu deuten, die immer noch ein Schlupfloch ließen. Alle Notlügen, die Menschen sich in Zeiten der Schwäche zimmern – er kannte sie.

Sein Spürsinn war unbestechlich. Schlemmer hatte in den letzten zehn Jahren jedes Mal den Preis des besten Regelinspektors der Gruppe bekommen. Darauf war er stolz. Bei Kreis, zum Beispiel, hatte er sofort gemerkt, dass etwas zwischen ihm und der Kassiererin lief. Der Erstverdacht kam ihm, als er ihre ungewöhnlichen Blickkontakte erfasste. Es wurde zu einem handfesten Beweis, als Schmelzer die Anruflisten von Kreis‘ Diensthandy überprüfte. Den Privatdetektiv brauchte er dann nur noch, um ein paar Beweisfotos anzufertigen, die er Kreis in den nächsten Tagen in die Nase halten würde. Er war sehr effizient gewesen, kein teures Herumstochern und Ermitteln auf Teufel komm raus. Von Verdacht zu Beweis in zwei Schritten. Aber das konnte man nur, wenn man Schmelzers Rüstzeug hatte. Er war der Beste.

Mit diesen Gedanken entspannte er sich. Ein kurzes Zucken in den Beinen, dessen Impuls von den Sensoren aufgezeichnet wurde. Dann war er erst einmal eingeschlafen.

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