(126) Fünf Stunden hatte Schmelzer ihn in die Mangel genommen.

von Alain Fux

Fünf Stunden hatte Schmelzer ihn in die Mangel genommen. Seiner Frau hatte Kreis gesagt, dass er auf dem Feldbett in der Firma übernachten werde. So konnte er sich den kleinen Rest des Abends wenigstens mit einem außerplanmäßigen Besuch bei Felizia Schwarzmüller versüßen. „Er ging seine elend lange Liste durch. Jedes Mal dachte ich, jetzt wird er sagen ‚Und dann haben wir noch Ihr Verhältnis mit Fräulein Schwarzmüller!‘ „ – „Was hättest du dann gesagt?“ Felizia unterdrückte ihr Gähnen und streichelte ihm über den kahlen Kopf.“ – „Ich wäre aufgestanden und hätte gesagt: Es ist kein Verhältnis. Es ist schlicht Liebe!“ Sie zog ihn am Ohr und küsste ihn auf die Wange. „Ich weiß, ich müsste es wissen, aber jetzt erzähl doch mal, was es mit diesen Regeln auf sich hat.“ Spielerisch tadelte er ihr, dass sie die Regeln nicht gelesen hatte, denn das hätte sie tun müssen. Dann erzählte er ihr, wie die Baumarktkette Spiller entstanden war.

Tobias Spiller war ein Zimmermann. Am Anfang seines Lebens trank und rauchte er viel, und machte auch andere Dinge, die Gott nicht gefielen. Gott bestrafte ihn und ließ ihn vom Dach fallen. Aber er liebte ihn auch und so trug Spiller nur eine gebrochene Schulter davon. Er erkannte die Warnung und gelobte Besserung, wenn Gott ihn nicht im Stich lassen würde.

In der Zeit, in der er sich erholte, bekam Spiller eine Arbeitsstelle in einem Laden, der Zimmermannsbedarf verkaufte. Es gefiel ihm gut und er arbeitete dort weiter, auch nachdem seine Schulter wieder verheilt war. Weil er sehr hart arbeitete und sich moralisch geläutert hatte, wollte die Witwe, die den Laden nach dem Tod ihres Mannes übernommen hatte, dass er das Unternehmen weiterführen solle. Um es einfacher zu machen, heiratete sie ihn und verstarb kurz darauf.

Spiller war jetzt der Unternehmer, allerdings damals immer noch von einem kleinen Einzelladen. Er benannte den Laden um in ‚Spiller‘ und eröffnete viele weitere Filialen. Er wollte, dass alle seine Mitarbeiter genauso moralisch einwandfrei lebten wie er. Und weil er sehr viele neue Mitarbeiter einstellen musste, die schnell begreifen sollten, was er sich darunter vorstellte, schrieb er alle Regeln, 313 an der Zahl, in einem Buch zusammen. Auch Kreis hatte dieses Buch bekommen, als er bei Spiller angefangen hatte, vor sechzehn Jahren. Am Anfang hatte es seinem Leben Orientierung gegeben. Sogar Carmen hatte sich indirekt danach gerichtet. Er fühlte sich heimisch in der Spiller-Familie. Aber vor drei Jahren, während einer Budgetsaison, als sie ihn unter Druck setzten wie nie zuvor, hatte er den Glauben verloren. Er hörte auf, sich nach den Regeln zu richten, wenn keiner ihm dabei zusah. Irgendwann würde er soweit sein, auch in der Öffentlichkeit gegen die Regeln einzutreten. Allerdings wusste er nicht, wie lange das noch dauern würde. Er küsste Felizia und zog ihr das Nachthemd über den Kopf aus.

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