(121) Ilka Grube nahm jeden Eisbecher einzeln vom Regal und polierte das Glas mit einem Geschirrtuch.

von Alain Fux

Ilka Grube nahm jeden Eisbecher einzeln vom Regal und polierte das Glas mit einem Geschirrtuch. Die Chefin war schon nach Hause gegangen, weil so wenig zu tun war. Sonst war das Café um diese Uhrzeit brummvoll mit Damen, die nichts mehr schätzten als ein Kännchen Kaffee, ein Stück Kuchen und ein angeregtes Gespräch. Aber heute hatte sich nur die tapfere Frau Rang hinausgewagt. Heute würde sie nicht viel verdienen. Ilka seufzte und nahm das nächste Glas. Woran könnte sie noch sparen?

In all den Jahren, seit Heiner Grube sie im Stich gelassen hatte, waren Verzicht und Sparen ihre zweite Natur geworden. Alles wurde immer teurer, nur sie kam nicht vom Fleck. Wenigstens gab Ethan deutliche Zeichen, dass er es schaffen könnte. Eigentlich war er genauso wie sie und Heiner es sich gewünscht hatten. Sie lächelte und nahm ein neues Glas. Sehr schade, dass Heiner nicht mehr da war und sah, wie gut sich der Junge entwickelte. Ethan war gut in der Schule, höflich mit allen und auch mit ihr. Er war der Grund, warum sie das alles doch aushielt.

Für seinen Geburtstag hatte Ethan sich einen Chemiebaukasten gewünscht. Sie hatte erst gar nicht gewusst, dass es so etwas gab. Sie dachte, er nehme sie wieder auf den Arm. Doch dann holte er den Katalog und zeigte ihr das Foto des Baukastens. Sein Lehrer habe gesagt, dass sei sehr förderlich. Sie musste zugeben, es sah sehr lehrreich aus. Die Abbildung auf dem Deckel der Schachtel zeigte ein richtiges Labor, wie man es in Krankenhausserien sah.

Dann dachte sie, dass Ethan vielleicht gar studieren wollte. Aber sie verdrängte den Gedanken gleich wieder, denn sie wusste nicht, wie sie das schaffen würde. Nun, die Sorgen würde sie sich machen, wenn es soweit sein würde.

Sie schaute zu Frau Rang, die den letzten Rest Kaffee aus der Kanne in die Tasse schüttete und dabei auf den Fluss schaute. Eigentlich kannte sie Frau Rang nur sehr flüchtig. Sie gab auch immer nur wenig Trinkgeld. Aber sie hatte es bestimmt auch nicht einfach gehabt im Leben und doch durchgehalten. Irgendwie würde es immer einen Weg geben. Morgen würde sie ihrer Chefin die Situation erklären. Gut möglich, dass sie Verständnis haben würde, denn sie mochte Ethan ebenfalls sehr. Vielleicht würde sie Ilka einen Vorschuss geben. Das würde ihr schon helfen. Vielleicht würde Ilka dann morgen kurz während der Arbeitszeit rausschlüpfen können, um den Baukasten im Spielzeugladen zu kaufen. Ethan hatte nachgeschaut und ihr berichtet, dass er ihn ganz zufällig dort gesehen hatte. Das hatte sie süß gefunden, aber nichts gesagt. Es sollte ja eine Überraschung werden. Frau Rang hatte jetzt ihre kleine türkisfarbene Knipsbörse gezückt und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen Ilka an.

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