(120) Sie hatte längere Zeit mit sich gerungen und von ihrem Mansardenfenster aus die Straße betrachtet.

von Alain Fux

Sie hatte längere Zeit mit sich gerungen und von ihrem Mansardenfenster aus die Straße betrachtet. Die Situation hatte sich offensichtlich beruhigt. Noch eine Stunde vorher hatte unter ihrem Fenster ein Wasserwerfer eine ganze Horde Jugendlicher vor sich her getrieben. Jetzt war es leer draußen.

Lieselotte Rang schaute auf die Uhr und traf eine Entscheidung. Sie zog die Gardinen wieder zu, setzte sich vor dem Spiegel ihren Hut auf, legte ihren Mantel an und ergriff Regenschirm und Handtasche. Vor dem Kruzifix neben der Garderobe bekreuzigte sie sich routiniert und ging nach unten. Zwei patrouillierende Bereitschaftspolizisten grüßten sie. Die Straßen waren nass und voller Unrat. Dafür waren sie ansonsten leer.

Frau Rang hatte die Handtasche an ihren linken Arm gehängt. Mit der Hand drückte sie den Regenschirm gegen den Mantel, um die beiden Flügel zusammen zu halten. Die andere Hand pendelte locker an ihrer Seite, während sie mit schnellem Schritt voranschritt. Als sie um die Ecke bog, sah sie die ausgebrannten Autos, die die Halbstarken noch in der Nacht als Barrikade gegen die Polizei aufgetürmt hatten. Die flammenden Autos hatte sie noch in den Frühnachrichten gesehen, während sie einen Zwieback mit Erdbeermarmelade gegessen und einen Espresso aus dem Aluminiumkocher getrunken hatte. Als sie an den Wracks entlang ging, schienen sie ihr viel weniger bedrohlich. Hässlich waren sie allemal mit ihrer abgeblätterten Lackierung und den ausgebrannten Sitzen.

Frau Rang schaute wieder auf die Uhr und beschleunigte den Schritt. Es war Donnerstag und an diesem Wochentag und zu dieser Zeit traf sie sich mit den paar Freundinnen, die noch nicht gestorben waren, in dem Ausflugscafé auf dem Ponton am Fluss. Dieses Treffen war ihr heilig und sie hatte in den vier oder fünf Jahren, seit es das Treffen gab, kein einziges davon ausgelassen. Wenn man wollte, dann ging das auch. Es fing an zu tröpfeln und Frau Rang spannte den Regenschirm auf. Und wenn es Katzen und Mäuse regnete oder brennende Straßenbarrikade aufgeschichtet würden – all das würde sie nicht aufhalten, dachte sie übermütig, während sie gut vorankam und bereits den Fahnenmast des Cafés sehen konnte.

Der Regen wurde stärker. Wie gut, dass sie wegen des Unrats auf der Straße ihre Gummigaloschen angezogen hatte. Als sie ins Café eintrat, grüßte Ilka sie lächelnd. Frau Rang schüttelte den Regenschirm durch die halboffene Tür nach draußen. Das Café war ansonsten völlig leer. Sie setzte sich an ihren angestammten Platz und wartete. Nach fünf Minuten bestellte sie doch ein Kännchen Kaffee. Nach weiteren zehn Minuten auch ein Stück Kuchen. Die anderen waren anscheinend zu feige gewesen, dachte sie grimmig, als sie die Gabel in das Stück Prinzregententorte stach. Es konnten ja nicht alle in der gleichen Nacht gestorben sein.

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