(114) Ich bin Schauspieler und soll in einer Woche für eine Rolle vorsprechen.

von Alain Fux

„Ich bin Schauspieler und soll in einer Woche für eine Rolle vorsprechen. Es gibt einen Haken: ich soll einen Sänger spielen, aber ich kann nicht singen.“ Gerry Steiner sah Frau Weber verzweifelt an.

„Es gibt keinen Grund, warum Menschen nicht singen können. Jeder kann es lernen. Allerdings ist eine Woche sehr kurz.“ – „Ich bin dafür zu allem bereit. Sie wurden mir empfohlen. Wenn es einen Weg gibt, dann nur mit Ihnen.“ Frau Weber fühlte sich geschmeichelt, diese Worte von einem gutaussehenden jungen Mann zu hören. „Erzählen Sie mir mehr.“

Steiner gab ihr eine Zusammenfassung der Situation. Bei der Rolle ging es um Herb Jones, ein Sänger, der vom Drehbuchautor offensichtlich Dean Martin nachempfunden war. Jones hatte bisher sorglos in den Tag hinein gelebt und sich nur für Musik und Frauen interessiert. Eines Nachts ging er nach einem Auftritt in einer Hotelbar zu seinem Wagen in die Tiefgarage. Angelehnt an einen Pfeiler fand er einen Sterbenden, der ihm einen Fotochip übergab. Er sollte den Chip an eine bestimmte Adresse bringen. Dann starb der Unbekannte. Schon bald darauf wurde der Sänger verfolgt und man versuchte, ihn umzubringen.

„Die Rolle wäre für mich der Durchbruch.“ – „Das habe ich verstanden“, sagte Frau Weber. „Jetzt die entscheidende Frage: welche Art Musik sollen Sie dort in dem Film singen?“ – „Bei dem Vorsprechen in einer Woche muss ich ein einziges Lied singen: Sway, von Dean Martin.“ – „Aha. Mambo“, erwiderte Frau Weber. „Wie ausgeprägt ist denn ihr Rhythmusgefühl? Tanzen Sie?“ – „Ich will ehrlich mit Ihnen sein: ich tanze wie ein Stück Holz und ich kann mich glücklich schätzen, dass mein Herz schlägt, ohne dass ich den Takt vorgeben muss.“

Frau Weber lächelte: „Das nenne ich eine Herausforderung. Kennen Sie den Liedtext? Gut, dann fangen Sie einfach mal an, zu singen. A cappella, ohne Begleitmusik. Dann bekomme ich einen Eindruck und kann mir überlegen, wie wir am Besten vorgehen. Stehen Sie auf, Herr Steiner. Hier, nehmen Sie die Kerze als Mikrofon.“

Steiner stellte sich hin und fing an zu singen: „When marimba rhythms start to play, dance with me, make me sway. Like a lazy ocean hugs the shore, hold me close, sway me more…” Frau Weber lehnte sich zurück. Steiner hatte nicht übertrieben. Es würde sehr kompliziert werden. Sie dachte: ‘Geld zählen, das beruhigt‘. Sie konnte es sich aber nicht verkneifen, zu fragen: „Wissen Sie übrigens, woher der Ausdruck ‚Mambo‘ stammt? Nein? Mambo bedeutet ‚Gespräch mit den Göttern.‘“

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