(113) Bitte nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?

von Alain Fux

„Bitte nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?“ Floriane Weber lächelte Ludger Bernhardt an und rückte ihre riesigen Brillengläser zurecht. Bernhardt erzählte ihr, dass er den Eindruck habe, bei seinen Kunden nicht entsprechend ernst genommen zu werden. Seine Stimme entspreche, nun ja, nicht der Norm. „Manchmal komme ich mir vor, wie der Rufer in der Wüste.“ Er sei selbst auch nicht sehr zufrieden mit seiner Stimme. Er könne zum Beispiel das Video der letzten Weihnachtsfeier der Agentur nicht ansehen, weil ihn seine Stimme bei der Ansprache dermaßen schockte. Mit anderen Worten, er sei zur Sprachtherapeutin gekommen, weil er eine andere Stimme haben wollte.

Frau Weber fragte nach, was er sich denn als Ergebnis vorstelle. „Ich will eine tiefe, volle Stimme. Bei der die Menschen hinschauen und denken: Der Mann versteht sein Geschäft. Da höre ich gerne hin. Manchmal denke ich, dass die Leute mich wegen meiner Stimme für einen, pardon, Schlappschwanz halten.“ – „Ich verstehe. Hatten Sie Krankheiten, die Ihre Stimmbänder angegriffen haben?“ Bernhardt schüttelte den Kopf. „Nun, es spricht nichts dagegen, dass wir Ihre Stimmer etwas ‚tiefer legen‘ und vielleicht mehr Ruhe hineinbringen. Ehrlicherweise muss ich Ihnen aber auch sagen, dass es nicht sicher ist, ob wir Ihr persönliches Ziel vollständig erreichen.“

Als sie die praktischen Aspekte der Therapie besprochen hatten, brachte Bernhardt noch zur Sprache, dass man den Werbeauftritt von Frau Webers Sprachtherapiepraxis verbessern könnte. „Sie sind sehr verhalten dabei und mehr damit beschäftigt, Ihren Hintergrund darzustellen, als auf die Probleme Ihrer Kunden einzugehen.“ Frau Weber sagte nichts. „Sie sollten natürlich nichts Unmögliches versprechen, aber ich denke, Sie könnten positiver, proaktiver für Ihre Sache werben. Glauben Sie mir, das kommt bei den Kunden sehr gut an.“

Erwartungsvoll schaute er auf Frau Weber. „Ich habe keine Kunden, wie Sie sagen. Zu mir kommen nur Patienten.“ Bernhardt hob seine Hände, um Verzeihung bittend. „Aber wenn mein Erscheinungsbild so miserabel ist, warum sind Sie denn gerade zu mir gekommen? Warum nicht zu einem Therapeuten, dessen Erscheinungsbild Ihnen eher zugesagt hat?“ Bernhardt lächelte matt. „Na ja, ich dachte mir, dass ich Ihnen vielleicht helfen könnte, Ihre Situation zu verbessern.“ Frau Weber starrte ihn an und rückte wieder an ihrer Brille. „Herr Bernhardt, dann lassen Sie mich auch ehrlich sein. Wir kennen uns jetzt seit einer Viertelstunde. Ich glaube, Ihre Probleme werden Sie allein mit einer tieferen Stimme nicht lösen können. Sie brauchen vielleicht andere Hilfe.“

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