(111) „So ein Idiot“, dachte Gregor Kamp und faltete den Regionalteil seiner Tageszeitung zusammen.

von Alain Fux

„So ein Idiot“, dachte Gregor Kamp und faltete den Regionalteil seiner Tageszeitung zusammen. Er bemerkte, dass ihm Schweiß auf der Stirn stand und nahm seine Serviette, um ihn wegzuwischen. Ein Blick auf die Uhr: er hatte noch Zeit, bevor er den Jungen bei seiner Mutter abholen konnte. Jeder zweite Samstag.

Als er so alt war wie der Junge, war es ein ganz anderes Leben. Blindgänger hatte er viele gesehen, sie lagen überall herum. Manche waren so geplant gewesen, hatten Zeitzünder und gingen lange nach dem Abwurf noch hoch. Als Kind hatte er viele gesehen und er hatte Angst vor ihnen gehabt. Unzählige Male holte ihn seine Mutter bei Fliegeralarm aus dem Bett. Das Sirenengeheul hatte er natürlich gehört und jedes Mal zog er sich die Decke über den Kopf und wollte sich nicht bewegen. Mehr als einmal musste seine Mutter ihn aus der Wohnung zerren. Oft nur mit Schlafanzug und Bademantel bekleidet, stiegen sie in den Keller des Nachbarhauses. Es war kalt, muffig, feucht. Seine Mutter setzte ihn auf eine mitgebrachte Decke unter einen Türrahmen. Sie versuchte ihn zu beruhigen. Dann das Warten. Es war dunkel in den Kellerräumen. In jedem Raum gab es eine Kerze, die allerdings oft nicht ersetzt wurde, wenn sie abgebrannt war. Dann kamen die Bomben. Sie hörten die Explosionen und spürten die Erschütterungswellen, die durch den Boden liefen. Zuerst wurden sie immer stärker, dann blieben sie auf der gleichen Intensitätsstufe, wenn der Bombenkrieg genau über ihnen war.

Viele beteten, auch seine Mutter. Manchmal glaubte man schon, es sei vorbei, wenn es für kurze Zeit still war. Dann wieder ein Treffer. Manchmal gab es mehrere Wellen von Angriffen. Schließlich war es wirklich still und dann kam die Entwarnung. Sie gingen wieder nach oben und waren jedes Mal froh, dass ihr Haus nichts abbekommen hatte. Oft aber brannte es in der Nähe und sie hofften, dass das Feuer gelöscht werden konnte, bevor es sie erreichte. An Schlaf war nicht zu denken danach. Und doch ging es irgendwie weiter.

Kamp glaubte den Geruch des Luftschutzkellers noch jetzt in der Nase zu spüren. Seitdem hielt er es an unterirdischen Orten nicht aus. Er mied Tunnels, Tiefgaragen und konnte auch keine Tropfsteinhöhlen besichtigen. Manchmal erstarrte er, wenn er Rauchfleisch roch, weil es ihn an den Geruch erinnerte, der sie oft empfing, wenn sie aus dem Luftschutzkeller wieder nach oben stiegen. Er schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit, den Jungen abzuholen.

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