(110) Herr Stiller, die Aufregung wegen Ihrer letzten Performance…

von Alain Fux

Lars Henschel: Herr Stiller, die Aufregung wegen Ihrer letzten Performance unter dem ungewöhnlichen Titel ‚Auto-Ikone Subito!‘ ist noch nicht verklungen, schon planen Sie neue Aktionen. Was ist Ihr nächstes Projekt, das Sie hier den Lesern unseres Regionalblattes exklusiv vorstellen können?

Jan Stiller: Das nächste Projekt, lieber Lars Henschel, wird alle Ausstellungen, die wir bisher kannten, in den Schatten stellen. Dabei geht es um einen wahrhaft explosiven Stoff, der niemand ruhig lassen wird.

LH: Große Worte, Herr Stiller. Worauf dürfen wir uns genau einstellen?

JS: Kunstaustellungen haben ihre Schärfe verloren. Niemand geht heute mehr zu einer Vernissage und erwartet mehr als Schnittchen und laue Puffbrause. Es sind After Work-Kaffeekränzchen für Pseudo-Leistungsträger geworden. Meine nächste Aktion wird Performances wieder die Schärfe zurückgeben, mit der man am offenen Herzen der Gesellschaft operieren kann.

LH: Das klingt sehr spannend. Für unsere Leser: Können Sie noch konkreter werden?

JS: Folgendes: Es wird eine Ausstellung mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg sein…

LH: Das sind Fliegerbomben, die nach dem Abwurf nicht explodiert sind. Sie können, müssen aber nicht, noch scharf sein, das heißt explodieren können.

JS: …die wir so darbieten, wie sie gefunden wurden.

LH: Sie könnten also noch scharf sein?

JS: Auf jeden Fall! Sie nähern sich dem Kern des Konzepts, lieber Herr Henschel. Möglicherweise ist der Zünder komplett am Asch. Vielleicht sind sie noch scharf. Unter Umständen werden sie durch die Wärme bei der Vernissage aktiviert. Es kann sein, dass die Zelluloidplättchen, die bisher durchgehalten haben, durch den Transport mit dem letzten Tropfen Aceton in Kontakt kommen und sich auflösen. Es ist eine ungewisse Situation, vergleichbar mit den Grundprinzipien unseres Lebens. Die Performance heißt ‚Blind gehen – Sterbend sehen‘.

LH: Das klingt gefährlich. Glauben Sie denn, dass zu dieser Aktion Zuschauer kommen werden?

JS: Natürlich. Wir alle brauchen den Kick. Es ist die Spannung zwischen Leben und Tod. Zwischen gut durchbluteter Pfirsichhaut und einem Hacksteak. Gewalt in ihrer sinnlosen Urform. Archaische Angstgefühle wie Schweine vor dem Schlachthof.

LH: Noch eine Frage: Sie müssen ja auch von etwas leben und die Ausstellungsstücke können Sie ja nicht verkaufen. Wie verdienen Sie mit dieser Kunst Geld?

JS: Ich könnte Ihnen jetzt sagen, dass Geld bei mir keine Rolle spielt. Aber ich komme aus kleinen Verhältnissen, daher: ja, Geld spielt eine Rolle. Die Bomben werden nach der Ausstellung kontrolliert zur Explosion gebracht und die Splitter können von Sammlern erworben werden.

LH: Haben Sie die erforderlichen Exponate schon bereit?

JS: Dazu möchte ich jetzt nichts sagen. Nur so viel: es gibt genug.

LH: Im Namen unserer Leser: vielen Dank für diese Ausführungen. Wir wünschen Ihnen mit Ihrer neuen Performance ‚Blind gehen – Sterbend sehen‘ einen Bombenerfolg.

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